Update data
This commit is contained in:
126
data/text+berg/de/006
Normal file
126
data/text+berg/de/006
Normal file
@@ -0,0 +1,126 @@
|
||||
iweimal Rheinwaldhorn
|
||||
Peter Donatsch , Mastrils
|
||||
Erster Akt
|
||||
Ein strahlender Augustmorgen .
|
||||
Am Nachmittag werden wir in die Berge fahren .
|
||||
Aber noch bin ich im Büro eingeschlossen , und so scheinen sich die Morgenstunden endlos in die Länge zu ziehen .
|
||||
Sonnenstrahlen zwängen sich durch die schmalen Ritzen der heruntergekurbelten Rolladen und malen Balken gleissenden Lichts auf den Boden .
|
||||
Das fahle Grün des Bildschirms beginnt zu verschwimmen , die Buchstaben tanzen vor den Augen - innerlich habe ich den PC bereits abgeschaltet .
|
||||
Zeit , sich loszulösen .
|
||||
George holt mich ab .
|
||||
George ist Hotelier und trägt die ganze Woche piekfeine Anzüge , alles perfekt assortiert .
|
||||
Ich sehe ihn vor mir , wie er diskret durch die Hallen schreitet , sich in höflichster Art seinen Gästen widmet , in fünf Sprachen sich fliessend mit ihnen unterhält , Lob freundlich lächelnd entgegennimmt und bei Tadel sofortige Abhilfe verspricht .
|
||||
Doch noch fast lieber trägt George Jeans und steigt auf Berge .
|
||||
Bis Ilanz sprechen wir noch von Geschäft und Arbeit , aber dann auf der Fahrt durchs enge Tal den Valserrhein entlang nimmt uns die Bergwelt endgültig gefangen .
|
||||
Zwei Stunden später , schon eine Unendlichkeit vom Alltag entfernt , lassen wir den azurblauen Wasserspiegel des Zervreila-Stausees hinter uns und betreten die urtümliche Steinwelt des Läntatals .
|
||||
Ich erzähle George die Geschichte vom Zervreila-Blau und vom Stausee Lampertschalp .
|
||||
Als Vorspeicher des Zervreila-sees hätte - nach den Vorstellungen einer Kraftwerkgesellschaft - dessen Mauer hier am Taleingang errichtet werden sollen , worauf der Wasserspiegel bis etwa 50 Meter unter die Läntahütte gestiegen wäre und der Zervreila-see durch den verschlammten Zufluss sein schönes Blau verloren hätte .
|
||||
Eine SAC-Hütte mit Seeanstoss !
|
||||
Die Einwohner von Vals haben jedoch im Frühling 1989 das Konzessionsgesuch für einen Stausee Lampertschalp abgelehnt , womit - hoffentlich - alles so bleiben wird , wie es ist .
|
||||
Der schmale Steig führt im unberührten Tal über Moränenhügel auf und ab , schlängelt sich um mächtige Felsblöcke , springt über Bachläufe und versteckt sich abschnittweise fast ganz unter den Blacktenstauden , so dass er stets nur auf wenige Meter einsehbar bleibt und jede Windung neue Überraschungen bereit hält .
|
||||
Unsere Gedanken konzentrieren sich auf den Weg , was die Zukunftsängste für einige Momente verdrängt .
|
||||
Ähnlich unserem Pfad , der sich in unzähligen Windungen zwischen den Hindernissen durchschlängelt , Alphütte am Eingang zum Läntatal mäandriert auch der Bach im Kiesbett des Talgrundes hin und her , untergräbt hier einen Steinhügel und schafft dort eine kleine Insel .
|
||||
( Jetzt musst du aber deinen Fotoapparat zük-ken!> reisst mich die Stimme meines Kameraden aus den Gedanken .
|
||||
Ich schaue nach vorn .
|
||||
Die Wolken haben sich bis auf einen kleinen Rest verzogen und den Blick freigegeben auf ein makellos weisses , grazil in den Himmel strebendes Spitzchen , das uns zu unserem scheinbar so überflüssigen und sinnlosen Tun motiviert :
|
||||
das Rheinwaldhorn .
|
||||
In den späten Morgenstunden des folgenden Tages befinden wir uns bereits wieder auf dem Rückmarsch .
|
||||
Zwischen wirr aufeinandergetürmten Felstrümmern am Gletschertor su chen wir uns den Weg zum Talausgang , wo ein heller Sonnenfleck den Bachlauf silbern schimmern lässt .
|
||||
Hier aber regnet es noch wie aus Kübeln .
|
||||
Über Georges Wangen läuft ein helles Rinnsal - ist es Regenwasser oder der Schweiss der Anstrengung ?
|
||||
Wolken umhüllen das Rheinwaldhorn und wälzen sich schwerfällig über den Gletscher hinunter .
|
||||
Zyklopenhaftes Chaos am Fuss der Eiszunge , Blöcke , labil auf schmalen Eisgrätchen balancierend , jederzeit absturzbereit .
|
||||
Bergauf und bergab klettern wir über Steine und rutschen auf dem Gletschereis aus , das sich unter einer feinen Staubschicht versteckt hält .
|
||||
Längst schon sind wir völlig durchnässt .
|
||||
Losgetretene Steine kollern übers Eis und platschen spritzend ins milchigweisse Gletscherwasser .
|
||||
Die Zähne der Steigeisen knirschen und quietschen bei jedem Schritt auf dem groben Steingrus .
|
||||
Das Rheinwaldhorn scheint heute keine Lust auf uns zu haben .
|
||||
<ln den Bergen ist der direkteste Weg nicht immer der beste ) , doziere ich fachmännisch und plädiere dafür , nicht weiter über die Gletscherzunge abzusteigen , sondern den Umweg über die Geröllflanke zu nehmen .
|
||||
Gesagt , getan .
|
||||
Doch dafür versperrt uns nun der vom Regen stark angeschwollene Bach den Weiterweg .
|
||||
Den Pfad haben wir längst aus den Augen verloren .
|
||||
George versucht sein Glück an einer breiten Stelle , wo einige Blöcke im Bachbett ein Springen von Insel zu Insel erlauben sollten .
|
||||
Ich hingegen folge dem Bach talauswärts , in der Hoffnung , noch auf eine schmälere Stelle zu treffen .
|
||||
Das erweist sich jedoch als Irrtum , da neue Zuflüsse das Gewässer nur noch verbreitern .
|
||||
Somit gibt es nur eines :
|
||||
hinüber - mit zwei Schuhen voll Wasser .
|
||||
Manchmal ist der direkteste Weg auch der beste .
|
||||
In den Schuhen quatscht es .
|
||||
Jeder Schritt drückt das Nass aus den durchtränkten Socken zwischen den aufgeweichten Zehen nach oben .
|
||||
Wir <schwimmen> buchstäblich auf dem Weglein abwärts , um der Sonne entgegenzueilen , die im untersten Teil der Lampertschalp - welch ein Hohn - den ganzen Vormittag geschienen hat .
|
||||
Zweiter Akt Das Bild vom weissen Spitzchen , dem Gipfel des Rheinwaldhorns , hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben .
|
||||
Immer wieder taucht es auf , ruft mich mit unwiderstehlicher Macht , wird zum Zwang .
|
||||
In solchen Momenten wird mir klar , dass wir Bergsteiger Süchtige sind , die einfach auf Berge steigen müssen :
|
||||
Da gibt es nichts anderes .
|
||||
Basta .
|
||||
Bisweilen allerdings verfluche ich diesen Zwang , denn Bergsteigen kann doch auch ziemlich unbequem sein .
|
||||
Und ist der Mensch im Grunde nicht ein Wesen , das eher ein angenehmes Leben sucht ?
|
||||
Leise drängt sich dann etwa die Frage auf , ob man sich's am Samstagabend nicht besser im Lehnstuhl bei Bier und Thomas Gottschalk bequem machen sollte , als in einer kalten Berghütte unter einer mief igen Wolldecke nach Schlaf zu suchen .
|
||||
Mit leisem Knacken bricht die Schneedecke unter meinem Schuh ein , und wieder stecke ich bis zum Oberschenkel im grundlosen Weiss .
|
||||
Die Sichel des halbvollen Mondes steht fahl und gelblich im Zenit und wirft ihr diffuses Licht dorthin , wo sie will .
|
||||
Die linke Talseite schimmert hell , während die Bergwand auf der rechten in undurchdringliches Dunkel getaucht ist .
|
||||
Ich arbeite mich stöhnend aus dem Schneeloch .
|
||||
Zwei , drei vorsichtige Schritte - dann verliere ich erneut das Gleichgewicht .
|
||||
Der Rucksack reisst mich beinahe von den Beinen und treibt mir dabei Tränen in die Augen .
|
||||
Ich schimpfe vor mich hin , manchmal laut , manchmal leise .
|
||||
Ich verwünsche den unerwartet tiefen Schnee , das schwache Mondlicht , den schweren Rucksack .
|
||||
Aber im Grund verwünsche ich mich selbst , ärgere mich , dass ich dem Zwang , heute Abend noch in die Läntahütte aufzusteigen , nachgegeben habe , obwohl wir den ganzen Tag in einem verrauchten Zimmer an irgendwelchen Sitzungen teilgenommen und Weisswein getrunken haben .
|
||||
Im Kopf hämmert es <Du schaffst es nicht , du schaffst es nicht , du schaffst es nicht ) .
|
||||
Schwäche und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit lähmen den Körper .
|
||||
Stehenbleiben und den Rucksack in den Schnee werfen .
|
||||
Die Augen zusammenkneifen und angestrengt in die Nacht starren :
|
||||
Ist das nicht die Hütte da vorn , dieser dunkle Schatten ?
|
||||
Ich fasse neue Kraft und tappe weiter , lasse mich von einer unsichtbaren Macht in unsichtbare Schneeverwehungen werfen , arbeite mich daraus wieder hervor und stapfe weiter .
|
||||
Mein Schimpfen verhallt ungehört :
|
||||
Pius hat mindestens eine Viertelstunde Vorsprung .
|
||||
Bloss seine Spur , manchmal nur oberflächlich zu sehen , meist aber deutlich ausgeprägt , weist mir den Weg .
|
||||
Erneut bleibe ich stehen und starre ins Dunkel .
|
||||
Die vermeintliche Hütte entpuppt sich als Felsblock und der Holzstoss als ein Haufen von Zaunpfosten , die der Hirt im Herbst hier aufgeschichtet hat .
|
||||
Das Mondlicht verleiht der Landschaft um die Lampertschalp ein ganz eigenes trügerisches , überirdisches Relief .
|
||||
Ich stolpere vorwärts und denke zurück .
|
||||
Kam nicht gleich nach diesem Felsblock die Hütte , als wir im letzten Sommer hier waren ?
|
||||
Der Gedanke gibt mir wieder Kraft für die nächsten hundert Meter .
|
||||
Von der Hütte immer noch keine Spur .
|
||||
Auch Pius sehe ich nicht mehr , die Einsamkeit ist total .
|
||||
Mir ist , als ob ich mich im Kreise drehen würde , nach jedem Felsblock kommt wieder eine Ebene , auf jede Ebene folgt ein neuer Felsblock .
|
||||
Nur der Zeiger der Armbanduhr deutet den Fortschritt an , doch das nützt mir nichts .
|
||||
Ich muss die Hütte erreichen .
|
||||
Der Mond sinkt herab , dem gefrässigen Maul eines grossen Haifisches gleich steigt der schwarze Schatten nun auch an der linken Talseite hoch .
|
||||
Ich werfe den Rucksack ab , die Beine bleischwer , die Seele mutlos .
|
||||
Der Wind singt seine Melodie , während er über diese verfluchten , nicht enden wollenden Schneefelder mit ihren tückischen Löchern und Verwehungen hinwegstreicht .
|
||||
Ich denke an den Gleitschirm im Rucksack .
|
||||
Den Schirm aufziehen , ein leichtes Rauschen und Abheben , keine schweren Güferhorn und Rheinwaldhorn , die beiden beherrschenden Gipfel der Adulagruppe Beine mehr , kein böser Rucksack , keine unsichtbaren Schneefallen , die mich in die Tiefe reissen wollen .
|
||||
Auf einmal kriecht es feucht und kalt den Rücken hinauf .
|
||||
Beinahe wäre ickeingeschla-fen !
|
||||
Weiter , weiter , hämmert es jetzt in meinem Kopf , und die Kälte unter dem nassge-schwitzten Hemd treibt mich voran .
|
||||
Wieder einen Hang hinauf und um einen Felsblock herum .
|
||||
Jeder Schritt ist mittlerweile zur Qual geworden .
|
||||
Plötzlich - ich erlebe den Moment wie eine Offenbarung :
|
||||
Weit vorn , und nur noch ganz schwach vom untergehenden Mond beleuch- tet , da glänzt und gleisst das Spitzchen - das Ziel .
|
||||
( Nur noch ein paar Schritte ) , ruft es mir zu , und neue Kraft strömt in meine Beine .
|
||||
Es ist die Kraft , die zahllose Male das weisse Spitzchen in meinen Gedanken gemalt hat , und es ist jene Kraft , die uns immer wieder in die Berge treibt .
|
||||
Es ist eine Kraft , die ehrlich ist , die nichts vorspiegelt .
|
||||
Somit ist auch der abendliche Alptraum in dem Moment schon vergessen , als wir am nächsten Morgen , zwar immer noch übertük-kisch verblasene Schneefelder , aber mit dem weissen Spitzchen vor Augen gegen den Län-tagletscher aufsteigen .
|
||||
Markus , der Gewichtigste unserer kleinen Gruppe , bahnt uns einen Pfad .
|
||||
Wo er nicht mehr einbricht , wird der Schnee auch uns tragen .
|
||||
Auf dem Gletscher führt abwechslungsweise jeder eine kurze Strecke .
|
||||
Die tiefe , hinter uns zurückbleibende Spur ist unser Gemeinschaftsweg , an dem wir alle unsern Anteil haben .
|
||||
Später finden wir eine apere Rippe , über die wir wie auf einer Treppe höhersteigen können .
|
||||
Auch der Gipfelgrat ist schneefrei und hart gefroren .
|
||||
Ich denke zurück an unser letztes Rheinwaldhorn-Erlebnis und geniesse jeden Moment doppelt .
|
||||
Wie von Meisterhand geschaffen , ebenmässig , nur den wichtigsten graphischen Linien verpflichtet , steht der Gipfel vor uns , Tor zu einer weiteren Dimension , unsichtbare Kraft , Ziel .
|
||||
Keiner spürt mehr die müden Beine und das Gewicht des Rucksacks .
|
||||
Es ist beinahe windstill .
|
||||
Wir sind allein mit uns und dem leise Ausblick vom Rheinwaldhorn .
|
||||
Ein feiner Dunstschleier entrückt die ferne Gipfelflur in schier unendliche Weiten .
|
||||
knirschenden Geräusch des hartgefrorenen Schnees unter unsern Schuhen und dem Laut des eigenen Atems .
|
||||
Unter dem höchsten Punkt legen wir unsere Gleitschirme aus .
|
||||
Farbige Tupfer im ebenmässigen Weiss der Gipfelpyramide .
|
||||
Klein wie Käfer , die sich in dieser Wüste von ewigem Schnee , Eis und Fels verirrt haben .
|
||||
Unerreichbar in das unendliche Blau des Himmels aufstrebend , erscheint das Rheinwaldhorn vom Tal aus .
|
||||
Für uns aber ist es nur ein Schritt auf dem Weg zu jenem Ziel , zu dem wir während unseres ganzen Lebens unterwegs sind .
|
||||
Nun noch die Leinen entwirren , ins Gurtzeug schlüpfen und das Fähnchen in den Wind strecken .
|
||||
Aus den kurzbeinigen Erdgebundenen werden farbige Vögel .
|
||||
Gleitschirmstart vom Rheinwaldhorn Richtung Westen .
|
||||
Hinter dem tiefen Einschnitt des Bleniotales erheben sich die Ketten der Tessiner Berge .
|
||||
Photo Markus Stähet '
|
||||
Reference in New Issue
Block a user