lin Berg der Überraschungen Michel Ziegenhagen , Lausanne Erster Angriff Das Nadelhorn stand für meinen Kollegen und Freund André Berney und mich auf der Liste jener Gipfel , die wir uns für eine Besteigung mit Ski vorgenommen hatten , denn es schien uns unangebracht , einen Gipfel im Sommer in Angriff zu nehmen , wenn das auch im Frühjahr möglich wäre . Für uns beide war es die zweite alpinistische Saison . Wir hatten uns diesem Sport fast gleichzeitig und spät , lange nach dem dreissigsten Lebensjahr , zugewandt , um die schlimmen psychosomati-schen Folgen einer allzu sesshaften Lebensweise erfolgreich zu bekämpfen . Unsere Erfahrung war sehr gering , unsere Ausrüstung rudimentär , unsere Begeisterung dagegen ansteckend und unsere Entschlossenheit ohne Fehl . Wir wussten kaum , dass es einen Alpenclub gab , und konnten uns nicht vorstellen , wozu er gut sein könnte . Hatten wir nicht im vergangenen Sommer das Finsteraarhorn bestiegen , und würden wir nicht in einigen Monaten zum Montblanc und zum Matterhorn zurückkehren ? Glücklich sind die Ahnungslosen ! Es gibt Gipfel , die sich beim ersten Versuch ohne Widerstand besteigen lassen , als hätten sie von vornherein ihr Einverständnis erklärt . Andere dagegen zwingen durch immer neue Hindernisse zu vielfachen Versuchen , so dass man sich am Ende von ihnen verabscheut fühlt ; es scheint , als hause ein böser Geist im Berg . Es gibt noch eine dritte Art , deren Vertreter sich zunächst in einem freundlichen Licht zeigen , dann aber einen üblen Trick bereithalten , eine Art coup de Jarnac , einen heimtückischen Streich , der die Fähigkeiten des Kletterers auf eine harte Probe stellt . Ein solcher Gipfel war für mich das Nadelhorn . Doch wenn ich das Gebirge schon personifiziert habe , wie es jeder , der sich oft an ihm misst , unweigerlich tut , will ich doch schleunigst erklären , dass die wichtigste Ursache der schlimmen Ereignisse , die berichtet werden , im menschlichen Verhalten zu suchen ist . Die folgenden Zeilen werden das deutlich zeigen . In jenem Frühjahr 1970 war also das Nadelhorn unausweichlich zu unserm nächsten ( Opfer ) auserkoren . Es liess uns allerdings rasch wissen , dass es unseren Plänen nicht zustimmte . Kurz vor der Tour musste ich aus einem zwingenden Grund , der mir nicht im Gedächtnis geblieben ist , absagen . Es hätte aber mehr gebraucht , um André zu entmutigen , der mit seiner unermüdlichen Unternehmungslust in einem andern Kollegen einen Gefährten fand . Die beiden begaben sich zur Bordierhütte . Am nächsten Tag ereignete sich während der Tour ein äusserst seltener doppelter Zwischenfall . Beim Aufstieg versank der Kollege , der auf dem Riedgletscher voranging , plötzlich , mit den Ski an den Fussen , zur Hälfte in einer Spalte . Es gelang ihm , sich zu befreien . Den Schrecken kann man sich vorstellen . Etwas höher , in der Nähe des Windjochs , musste die Tour dann wegen überreichlicher Neuschneemengen ein Ende finden . Bei der Abfahrt sind die beiden mutigen Gesellen offenbar ihrer eigenen Spur auf etwa zehn Zentimeter genau gefolgt , denn André stürzte in dasselbe Loch und hing dort an seinen quer in der Spalte verklemmten Ski ! Für einige Zeit war das Nadelhorn , das seine Besucher so unliebenswürdig empfangen hatte , kein Thema mehr . Tatsächlich war zwischen uns beiden nie mehr die Rede davon . Drei Jahre später , am ZinalRothorn , fand André sozusagen vor meinen Augen bei einem unglücklichen Pendelsturz von rund zehn Metern , in einer Passage ohne Schwierigkeit , den Tod . Wenn ich mir diese abschätzige Bewertung der Passage erlaube , dann , weil ich mehrfach aus geringerer Höhe gestürzt bin ( von einem dieser Stürze wird später noch die Rede sein ) - ohne einen Pendel ( in diesem Fall freiwillig ) in gleicher Grössenordnung zu erwähnen - , das Ganze mit unbedeutenden Schrammen . Glück ? Sicherlich . Wenn ich aber glaube , was Livanos über den grossen Riccardo Cassin gesagt hat , so genügt es nicht , auf das Glück zu warten , man muss es auch mit der nötigen Entschiedenheit herbeirufen . Das Wesentliche wäre also , das Unglück zu vermeiden ? Aber welchen Sinn haben solche Worte , wenn ein Freund den Tod findet ? Nicht einmal den einer Art Leichenrede . Erinnern sich diejenigen , die uns damals geholfen haben , noch an den 12. August 1973 ? Äusserst tüchtige Retter von der Air-Zermatt , Bergführer und Alpinisten , deren Namen ich nicht kenne ( mit Ausnahme von Alain Junod und Denis Berger , Sektion Diablerets , die den Alarm auslösten ) , denn ich habe in dem Durcheinander des Geschehens nicht daran gedacht , sie danach zu fragen . Ein schändlicher Streich Die Genfer haben ihre eigenen Gewohnheiten , das sei ohne die geringste Anspielung auf den etwas abgenutzten Witz gesagt , mit dem die Miteidgenossen die Redeleistung und das ewig mäklige Temperament der Leute vom Ende des Genfersees mit dem Umfang ihrer Stimmorgane in Verbindung bringen . Unter andern Besonderheiten feiern die Genfer le Jeûne - den Bettag - zehn Tage vor den andern Schweizern ( beachten aber deswegen Mässigkeit und Sittenstrenge auch nicht mehr ) , also an einem Donnerstag . Das gibt ihnen jedesmal Anfang September Gelegenheit , die ( Brücke zu schlagen ) und sich an vier aufeinanderfolgenden Tagen ihrer Freizeitbeschäftigung zu widmen . Traditionsgemäss setzt L'Arole ( ein kleiner Genfer Club von Bergsteigern ) ihren grossen Jahresausflug auf diesen Zeitpunkt fest ; ebenso halten es andere Genfer Clubs . Auf diese Weise brachte mich der Genfer Bettag des Jahres 1971 unter tragikomischen Umständen zum Nadelhorn . Als Zentrum unserer Unternehmen war Saas Fee ausgewählt worden . Das ( Basislager ) befand sich in einem sympathischen familiären Hotel , das von einem jener Supersaxo geführt wurde , die als Bergführer oder als meisterhafte Skifahrer den Ruhm dieses Namens begründet haben . Am Freitag stiegen acht der Muntersten zur Mischabelhütte auf , was andere Alpinisten und sogar einige Führer veranlasste , ebenfalls aufzusteigen . Vielleicht durch den zu dieser Jahreszeit ungewöhnlichen Besucherstrom überrascht , machte sich auch der Hüttenwart auf , marschierte in gutem Tempo und überholte uns mühelos . Wir rechneten darum damit , das notwendige Bier für unsern wachsenden Durst zu erhalten . Wie gross war unser Kummer , als wir feststellen mussten , dass uns das kostbare Nass , das an den andern Tischen in Strömen floss , ohne Erklärung oder sichtbaren Grund verweigert wurde . Beim Nachtessen spielte sich dasselbe mit dem Wein ab , der Hüttenwart behauptete sogar zu Unrecht , wir hätten unsere Bestellung nicht früh genug aufgegeben ! Wir erhielten nur gerade das uns reglementarisch zustehende Wasser . Am nächsten Tag waren wir fünf , die auf das Nadelhorn wollten . Eine Zweierseilschaft kam schnell voran und erreichte die Hütte , ohne weiter zu warten . Ich führte die folgende , unterstützt von Paul Delisle , dem getreuen Gefährten unzählbarer Unternehmungen im Gebirge . Zwischen uns hatten wir ein neues Mitglied . Der Aufstieg verlief ereignislos , doch der Gipfel schien uns nicht bequem genug , wir verlegten darum den Picknickplatz zum Windjoch , das sich als sehr freundlich erwies , weil es seinen Namen an diesem Tag nicht verdiente . Wir sind also unter den Gipfelfelsen , steigen mit kleinen Schritten über Blankeisplatten ab . Beim Aufstieg waren uns diese Passagen einfach erschienen , doch wenn man sich dann dort mit dem Blick ins Leere wiederfindet , werden die Folgen eines möglichen Sturzes plötzlich sehr viel deutlicher . Veranlassen sie unsern Neuling zu einigen Überlegungen ? Er richtet unvermutet eine Frage an mich : ( Wenn ich falle , hältst du mich dann?> - . Was können wir von diesem übellaunigen Hüttenwart zur Stillung unseres Durstes anderes erbitten als Wasser ? bewusst ) , ich habe also alle Musse zu sehen , wie das Loch , durch das ich gefallen bin - es ist im Augenblick das einzig Helle - , sich in grösster Geschwindigkeit entfernt und bereits vier oder fünf Meter über mir ist . Wir waren mit straffem Seil gegangen . Wenn ich so tief fallen konnte , dann , weil ich aus einem unverständlichen Grund Jean-Luc nachgezogen hatte . Diese Folgerung hätte mich vor Entsetzen zu Eis erstarren lassen sollen . Aber nein , sie lässt mich vollkommen gleichgültig , wie irgendetwas Belangloses . Einen Kameraden versinken zu sehen , hätte mir mein ganzes Innere zusammengezogen . Aber nichts dergleichen : Ich habe das Gefühl , meinen eigenen Sturz mitzuerleben , ohne wirklich beteiligt zu sein , die verschiedensten Eindrücke wahrzunehmen , die zu schnell aufeinanderfolgen , als dass ich sie zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden könnte . Eine Art Persönlichkeitsspaltung , ein unbekümmertes Gefühl , in der Luft zu treiben , keine Geste der Gegenwehr . Fatalismus , die Würfel sind gefallen , ich habe einen Fehler gemacht , also muss ich dafür büssen . Doch das wäre eine zu weitgehende Interpretation . Ich war ganz einfach eine Sekunde lang wie erstarrt , und jetzt ist es zu spät , um noch irgend etwas zu versuchen . Als ich mich später an diesen Sturz erinnerte , kam mir der Gedanke , die Vorstellung der Trennung von Körper und Seele im Augenblick des Todes könnte in solchen Augenblicken entstanden sein . Ein letzter Stoss , heftiger als die vorhergehenden , setzt dem Fall ein Ende . Ein schmales , aus der talseitigen Wand vorspringendes Eisbankett beendet den Sturz ; wenn mich der zweite Stoss nicht schräg unter den Überhang geworfen hätte , fiele ich jetzt glatt daran vorbei . Der Rucksack fängt einen Teil des Schlages ab , ein praktisch abgerissener Tragriemen wird das später zeigen . Ohne den Sack wäre ich nach meinem Sturz auf den Rücken vielleicht nicht mehr aufgestanden . Das am Ende des Falls zunehmend stärker gespannte Seil hatte ebenso dazu beigetragen , den Aufprall zu dämpfen . Ich brauche einige Augenblicke , um wieder zu Atem zu kommen und meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen . Alles ist grau und unscharf . Mechanisch fahre ich mit einer Hand über meine Nase . Meine Brille ? Sie ist sieben oder acht Meter tiefer ( so viel bin auch ich gestürzt ) auf dem Grund des Bergschrundes verschwunden , in einem finstern und unergründlichen , zwischen Eis und Fels gähnenden Trichter . Mir ist als einziges Andenken an sie ein Kratzer auf der Nase geblieben . Auf das Bankett gestützt , muss ich die Ersatzbrille aus der Rucksacktasche holen . Endlich sehe ich klar , aber die Umgebung ist unheimlich : grünliche , bestürzende Eiswülste , Bahnen von Faulschnee , bergwärts schwärzlicher Fels . Hinaus , und schnell ! Wo ist mein Pickel geblieben ? Er muss mir fortgerutscht sein . Unwahrscheinliches Glück : Er ist anderthalb Meter unter mir in einem Loch hängengeblieben . Ich recke die Arme , strecke die Hände aus , nichts nützt , mir fehlen mehrere Dezimeter . Ein Schrei :