■rlebnis Selbsanft-Nordgrat Albert Schmidt , Engi ( GL ) Der über der Linth-schlucht thronende Selbsanft ( vom Tierfed aus ) Über die Nordostflanke zum Luegboden Vom ersten Mast der KLL-Seilbahn ( Kraftwerke Linth-Limmeren ) steigen wir über den BaumgartenAlpweg hinab zum Schwamm , bis eine Wegspur den Hang und eine Waldlichtung quert , wo viele Jahre ein Einsiedlerpärchen gehaust hat . Von seinen Besitzern aufgegeben , vergandet nun auch ihr Wild-kräutergärtchen . Weiter durch den Wald aufwärts gelangen wir zur Bergkante . Hier öffnet Eine verlockende Tour Im vorangehenden Beitrag über das alte Gipfelbuch war viel die Rede vom Nordgrat , ohne dass sich der Leser bei den meist wortkargen Eintragungen seiner Begeher ein Bild über ihn machen konnte . Deshalb soll hier noch das Erlebnis einer Besteigung über diesen geheimnisvollen Grat geschildert werden . Prächtiges warmes Spätsommerwetter , keine Gewitter mehr und deshalb eine trockene Route - einmal mehr lockt uns der Berg in seine gewaltigen Nordabstürze . Für das Wochenende vom 28./29 . September 1985 habe ich mich mit meinen Seilkameraden Johann Stoffel und Harry Zweifel verabredet . Besonders Harry , der im Tierfed unter den Selbsanftwänden aufgewachsen ist , freut sich , endlich einmal auf die hohe Spitze zu kommen , auf der schon sein Vater zur Zeit des Kraftwerkbaus gestanden hat . Blick vom Vorder Selbsanft ( Hauser-horn)auf den Tödi sich plötzlich der Blick ins Limmerentobel , aus dessen uneinsehbarer Tiefe sich die gewaltigen Kalkwände des Muttsee und Selbsanftmassivs aufbäumen . Der Eindruck , den diese wild-bedrohliche Gebirgswelt auf den Menschen macht , ist wahrhaft erschütternd , und Caspar Hausers eingangs zitierte Schilderung ( vgl. S. 31 ) hätte hier noch vermehrt Gültigkeit . Manch einer , der mit den Bergen nicht so vertraut ist , würde sich an dieser Stelle wohl keinen Schritt mehr weiter wagen . Auf der Wegspur queren wir in die Felsenschlucht . Damit dringen wir in ein Verlies des Gebirges ein . Innert Kürze rücken die uns vorher noch in geräumigem Halbrund umgebenden Wandfluchten bis auf wenige Meter Distanz zusammen . Wir betreten eine andere Welt , fern der unsrigen . Jetzt bei SommerEnde liegen , trotz der Höhe von nur 1200 Metern , immer noch vereiste Lawinenreste in der Kluft . Mühsam bahnen wir uns den Weg durch das Bachbett empor , überwinden dabei die zerbrochenen Altschneepfropfen und zwängen uns an glattpolierten Felsblöcken vorbei . Wie würde es hier tosen und brausen , wenn die Limmerenwasser nicht weiter oben von der Staumauer zurückgehalten würden ! Bei sommerlicher Wasserführung gäbe es hier keine Durchkommen . Das geht auch aus der Empfehlung in den alten Clubführern hervor , diese Tour nur während der trockenen Herbstzeit zu wagen . Bei einer Wasserfassung der KLL beginnt oben in der rechten Felswand der ( Birchen-gang> , ein schmales , abschüssiges Schrofen 41 und Felsband , das steil zur untersten Schulter der Nordflanke hinaufzieht . In kurzer Zeit wächst unter uns die schwindelnde Tiefe des Limmerentobels . Wir gehen hier unangeseilt , darum verlangt jeder Schritt Konzentration und Selbstsicherheit . Von diesem ersten exponierten Absatz , dem Birchli , geht es nun durch Alpenerlen und über eine Felsstufe direkt den Berg hinan . Die Route wird jetzt allein ihrer Steilheit wegen unübersichtlich , und es braucht einiges Gespür , den richtigen Durchstieg zu finden . In der bergseitigen Hand den Pickel , in der andern einen Skistock als Stütze , so erklimmt man am sichersten die mit anstehenden Felsen , aber auch mit lockerem Gestein durchsetzten Grasflanken . Vom zweiten Absatz , dem Luegboden , queren wir über Schrofen und Geröll steil in die Limmeren-flanke hinein , um bald einmal auf dem kräuterbewachsenen Band vor dem Biwakplatz zu stehen . statt Höhle wäre allerdings die treffendere Bezeichnung für die beiden Einbuchtungen am Fusse der sich senkrecht auftürmenden Felswand . Im Biwak Noch liegt goldenes Licht auf den Muttsee-gipfeln ; die Sonne geht , von unserem Standort aus schon nicht mehr sichtbar , hinter dem Berg unter . Rasch fällt die Dämmerung ein und hüllt die Limmerenschlucht in dunkle Schatten . Wir suchen ein günstiges Plätzchen in der Balm , rollen unsere Biwakmatte und den Schlafsack aus . Dann setzen wir die Kocher in Betrieb , um unser Abendessen zuzubereiten . Unter fröhlichem ( Tischgespräch ) vergeht die Essenszeit . Meinen Kameraden erzähle ich , wie wir hier vor drei Jahren unsere Becher unter dem Überhang hervor in den prasselnden und mit Steinschlag durchsetzten Gewitterregen halten mussten , weil wir vergessen hatten , vom Limmerenbach Wasser mitzunehmen ! Eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit beginnt sich oben hinter den Muttsee-wänden eine Helligkeit am dunkelblauen Nachthimmel auszudehnen , und um 20.30 Uhr steigt der Vollmond über dem Kamm des Kistenpasses auf . Er leuchtet direkt in unsere Höhle , und mit zunehmender Höhe fällt sein 42____________________________________ mildes Licht in die Tiefe der Limmeren-schlucht , breitet einen transparenten Schleier über die vorher harten , tiefschwarzen Flächen und Konturen der Bergwände . Wenn wir auch eine Vollmondnacht in den Bergen schon oft erlebt haben : An diesem einsamen Biwakplatz in den Selbsanftwänden wird diese unerwartete , zauberhaft schöne Stimmung zum seltenen Naturerlebnis . Wir zünden eine Kerze an , die ihr warmes Licht auf unser felsiges Biwakdach wirft , dann krieche ich in die engste Spalte des Berges hinein , um auf dem Bauche liegend die einmalige Szenerie mit der Kamera einzufangen . Wahrscheinlich kommen wir wieder einmal hierher , aber eine solche Nacht werden wir wohl nie mehr erleben können . Allmählich nähert sich der Mond der hohen Horizontlinie des Selbsanft , berührt sie und verschwindet . In unserer Balm wird es dunkel , und wir schlüpfen in die Schlafsäcke . Die Stille der Nacht , nur unterlegt durch das leise Rauschen der verbleibenden Limmerenwas-ser , wiegt uns bald in den Schlaf . Hier in der Falte des riesigen Berges fühlen wir uns ebenso geborgen wie zu Hause . Um fünf Uhr piepst eine Uhr unerbittlich Tagwache . Als erfahrene Biwakfüchse beherrschen wir allerdings die Technik , im Schlafsack liegend heisses Wasser zuzubereiten und so das Morgenessen - einen Becher Bircher-müesli und Kaffee-einzunehmen . Im schmalen Ausschnitt , der zwischen Höhlendach und dem Muttseehorizont sichtbar ist , verblassen schnell die Sterne . Um sechs Uhr verlassen wir im ersten Dämmerlicht unser romantisches Nachtlager . Am Nordgrat Wirtraversieren zum Luegboden und steigen über die abschüssigen Gras und Schro-fenflanken dem ersten grossen Aufschwung des Nordgrates entgegen . Auf den Bändern der Sandalpflanke entdecken wir einige Gemsen bei der Morgenäsung . Hier oben hätten sie auch während der Jagdzeit wohl kaum etwas zu befürchten . In einer gestuften Rinne geht es in leichter Kletterei hinauf zu einer schmalen Scharte im Nordgrat , wo uns die ersten Strahlen des aufsteigenden Tagesgestirns treffen - hundertfach erlebt und doch immer ein wundervoller Augenblick . Wir seilen uns an und klettern direkt über die Gratkante weiter . Auf den Leisten und Bändern liegt wohl viel Schutt , aber die steilen Vollmondnacht im Biwak Luegboden Aufschwünge bestehen aus recht gutem Jura-Malmkalk . Eine Zone aus stark verwittertem , braunem Gestein erheischt anschliessend wieder vorsichtiges Klettern . Wir gewinnen rasch an Höhe und stehen bald unter dem markanten gelbbraunen Gratturm , dem die früheren Begeher des Grates den phantasievollen Namen ( Goldenes Horn> gegeben haben . Anstelle von Goldadern sind es aber die letzten Rasenpolster , die den festen Fels in der Ostflanke des Turmes durchziehen . Der ebene Platz oben auf der Bergzinne lädt geradezu zu einer Rast ein . Die Firnflächen der Claridengruppe und die Gletscher des Tödi leuchten blendend weiss in der Morgensonne , während im schon weit unten liegenden Tal immer noch dunkle Schatten lagern . In die Stille hier oben dringt zu dieser frühen Stunde nur das leise Rauschen des Sandbaches . Nach dem breiten Schuttband hinter dem ( Goldenen Horn> zieht sich senkrecht und überhängend ein Felsband um den ganzen Bergstock . Die günstigste Route führt Auf dem Höhenrücken des Mittler Selbsanft ( Plattas Alvas ) ; im Hintergrund der Bifertenstock zu einer Ecke empor , von der aus über einen Quergang unter einem Dach eine verwitterte Flanke zu gewinnen ist . Heute folgen wir der Route , um oben am Fusse eines wilden Grataufschwungs wieder die Kante zu erreichen . Die hier ansetzende senkrechte Bastion wird auf ihrer Ostseite von einer kaminartigen Verschneidung durchzogen . Als alte Schlaumeier wissen wir , wie man eine solche Stelle anpackt : Johnny , athletischer Sportkletterer aus dem berühmten ( Dorf mit drei Buchstaben ) der Kreuzworträtsel , wird mit Lobesworten über seine Kletterkunst losgeschickt ! Er wird die Seillänge doch ( mit singä und pfiiffä ) packen ! Schadenfreudig grinsen wir uns an , als er sich wenig später im abdrängenden Kamin , in das die Sonne hineinbrennt , hocharbeitet , schwitzt , dann mit dem Rucksack hängenbleibt , um schliesslich angesichts des festen , glattgescheuerten Felsens nicht ganz gerechtfertigt - über den ( Glarner Alpenbruch ) zu lamentieren . Bald einmal sind wir an der Reihe , uns mit dieser tückischen Stelle auseinanderzusetzen . Ein Anstieg über brüchiges Gelände führt uns zum obersten , dunklen Turm , der aus rau hem Nummuliten-Sandstein besteht . Voll Freude klettern wir die halbe Seillänge über die Kante hinauf zur Spitze des Hauserhorns . Gipfelrast Es ist erst zehn Uhr an diesem herrlichen Spätsommertag , und wir können uns eine ausgedehnte Gipfelrast leisten . Neben dem Klotz des Mittler Selbsanft thront im Süden der Tödi in seiner ganzen Wucht über den Matten und Felsen des Bifertenalpli und der Röti . Auf der Ostseite des Selbsanftmassivs liegt-weit unter uns - der Limmerensee mit seinem hellen graugrünen Wasser , gesäumt von den schattigen , zerklüfteten Bändern und Stufen des Kistenpasses . Drüben aus der schuttgrauen Mulde zwischen Nüschenstock und Ruchi schaut das blaue Auge des Muttsees hervor , und rechts davon können wir noch die gleichnamige Hütte entdecken . Talwärts gewandt , fasziniert uns der überwältigende Tiefblick fast 2000 Meter hinunter ins Tierfed , in die Abgründe der Sandalp , des Limmerentobels und der Linthschlucht . Jetzt aber wendet sich unser Auge wieder dem Näherliegenden zu den Seiten des alten Gipfelbüchleins , das wir der blitzbeschädigten Büchse entnehmen . Wir blättern ein wenig darin und tragen unsere Besteigung ein , dankbar dafür , dass wir die Reihe begeisterter Alpinisten seit 1863 fortsetzen können . Die Gipfelstunde vergeht im Fluge , bis uns ein Blick auf die Uhr zum Aufbruch zwingt . Auf den Höhen des Selbsanftmassivs Wir klettern vom Gipfelturm hinunter und wandern über die öde Gratsenke zum Mittler Selbsanft , den wir nach derTraversierung eines Geröllhangs durch ein Firncouloir ersteigen . Oben auf dem Plateau öffnet sich ein weiter Horizont unter einem ebenso weitgespannten Himmel . Aus dem engsten Verlies des Berges hinaufzusteigen , 1700 Meter höher , in Stunden voller Anstrengung , in schwierigem Gelände , um dann hier auf fast 3000 Meter Höhe diese helle , sonnendurchflutete Hochgebirgswelt zu erfahren - dieses Erlebnis wird nur ein Bergsteiger nachvollziehen können . Über die weitgeschwungenen Höhenrücken von Plattas Alvas gelangen wir im Glanz der Firnfelder südwärts . Unübersehbar breitet sich die ganze Alpenwelt Graubündens im Osten und Süden aus , wird nur über dem Lim-merenfirn vom langgezogenen Eisrücken des Bifertenstocks verdeckt . Hier oben , auf dem gewölbten , rauhen Rücken des mächtigen Berges , wird die Verlassenheit und die Urtümlichkeit dieser Region beinahe körperlich spürbar . Die Scherben und Platten des schneefreien Gipfelkammes klirren leise unter unsern Sohlen . Zuweilen bilden sie merkwürdige Muster , deren Struktur erst aus höherer Warte erkennbar wäre . Ein langer Abstieg Nach der Mittagsrast in einer sonnenwarmen Firnmulde steigen wir zuerst über den Griessfirn , dann über zerrissene helle Platten , Moränen , Schutt und Geröll zum Ende des Limmerenfirns hinunter . Von dort geht es dem Gletscherbach entlang , bis er über eine überhängende Felswand in die Tiefe fällt . Unter uns im Talkessel erstreckt sich der schnee-wasserhelle Limmeren-Stausee . Von den zwölf alpinen Kilometern , die allein den Rückweg vom Hauserhorngipfel bis zum ( Chalchtrittli ) ausmachen , haben wir hier erst die Hälfte zurückgelegt . Die vor uns liegende Wegstrecke wird also noch einen anstrengenden zweistündigen Einsatz erfordern . Wir werden zunächst über die exponierte , drahtseilgesicherte Wand zum SeeEnde hinabsteigen müssen , um dann in der nachmittäglichen Hitze dem Pfad folgen zu können , der sich in ständigem Auf und Ab dem steil abfallenden Ufer des Limmerensees entlangzieht . Im Och-senstäfeli wird uns schliesslich der schwarze , nasskalte Kraftwerktunnel aufnehmen , der uns durch den Berg zur Seilbahn bringt . Hoffentlich schaffen wir es noch , die letzte , um halb fünf talwärts fahrende Gondel zu erreichen ! Die mit Seil , Pickel , Berg und Biwakausrüstung beladenen Rucksäcke werden dabei schwer am Rücken hängen , mit strapazierten Knien und Fussen , verschwitzt und durstig werden wir im Tal ankommen . Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Mühsal und Anstrengung : Der weite Weg durch die verlassenste Region der Glarner Alpen hat uns um ein Bergabenteuer mehr mit dem Selbsanft verbunden ; mit jenem Berg , der mit den Menschen erst seit 125 Jahren - einem winzigen Augenblick in seinem eigenen , sich über Jahrmillionen erstreckenden Dasein - ein bisschen vertraut geworden ist und der uns , seinen Besuchern , durch sein abgeschiedenes Felsenreich und seine Urtümlichkeit ans Herz gewachsen ist . Vivant amici montium !