jngspitz-Nordostwand direkt Michel Piola , Vernier Die ca. 600 m hohe Nordostwand des Kingspitz ( Engelhörner , BO ) Dring ... dring ... Dring ... dring ... los , auf ! Da ich dieses Massiv in den Berner Alpen noch nicht kenne , kann ich mir nur ausmalen , was es wohl mit dieser fast 600 Meter hohen Kalkwand auf sich hat , die in einer Region liegt , in der es nur wenig Wände von dieser Art und Ausdehnung gibt ( natürlich abgesehen von der 1650 Meter hohen Eigernordwand ) . Und wie wird die Qualität des Gesteins sein ? Die von M.Lüthy , H.Haidegger und H.Steuri 1938 eröffnete klassische Route der Nordostwand geniesst einen besonderen Ruf : Im Führer ist von einem im ganzen guten Fels die Rede , dann wird aber präzisiert , dass es sich um eine dolomitenähnliche Wand handelt und darum gewisse Vorsichtsmassnahmen nötig sind , vor allem , wenn sich andere Seilschaften in der Route befinden . Zudem , und das wird unser Hauptproblem sein , werden wir uns beeilen müssen , denn Daniel wird morgen abend in Bern zurückerwartet . Das Rennen gegen die Uhr hat begonnen ! Schon Bern . In dieser Menge , zwischen einer nach billigem Parfum duftenden Sekretärin und zwei sehr ( zu ? ) dynamischen Kaderleuten , kann ich nicht anders , als mit meinem Rucksack in der von der Menge bestimmten Richtung zu treiben und dabei zu hoffen , das Gedränge möge ein wenig nachlassen und mir eine Chance geben , zu entwischen und Daniel zu treffen - aber wo eigentlich ? Zum Glück wird der Menschenstrom langsam etwas dünner , das Vorankommen ein bisschen leichter , und ich habe gerade noch Zeit , ein Stück einer roten Hose und einen Trek-kingschuh zu entdecken , die um eine Treppenecke verschwinden . Es ist wirklich Daniel ! Wir steigen in seinen kleinen Wagen , um den Ausgangspunkt unserer Unternehmung zu erreichen , den Parkplatz oberhalb Rosenlaui , kurz hinter Meiringen . Wir entscheiden uns für diese zweite Lösung , einerseits aus finanziellen Gründen , dann aber auch , weil wir meinen , es sei heutzutage wichtig , Kletterer zu grösserer Verantwortung im Gebirge zu veranlassen . Mancher wird sich wundern , dass wir nach dem Gesagten nicht weniger als 58 Bohrhaken in der Route beliessen . Ganz besondere Aufmerksamkeit muss in dieser Hinsicht dem Problem eines Sturzes auf den Boden und des möglichen Anpralls gegen eine Besonderheit im Gelände ( z. B. gegen eine Ver-schneidungswand oder von einem Überhang auf eine geneigte Platte ) gewidmet werden . Nachdem diese Probleme gelöst sind , müssen wir nur noch unsere Lasten so ordnen , dass sie dem Aufnahmevermögen unserer Rucksäcke entsprechen , und dann mit munterem Schritt den herrlichen Weg zur Engelhornhütte in Angriff nehmen . Es ist 11 Uhr vormittags . Ende des ersten Aktes Über die Kletterei selbst ist eigentlich wenig zu sagen , ausser dass wir am Anfang des Nachmittags die Besteigung des Sockels der klassischen Route von 1938 bis zum Beginn des ersten steilen Aufschwungs ( etwa 100 Meter über dem Wandfuss ) in Angriff nehmen . Nachdem wir zweieinhalb Seillängen in diesem merkwürdigen Felsband geklettert sind , können wir uns nach rechts wenden , um den Anfang der zentralen Zone grauer Platten zu erreichen , eine grossartige kompakte Rutschbahn , die eine anhaltende , schwierige und technisch anspruchsvolle Kletterei verheisst . Die Engelhornhütte besitzt noch den etwas altmodischen , aber so liebenswerten Reiz einer echten Berghütte , die von unmässigen Vergrösserungen und Modernisierung verschont geblieben ist . Der Bau hat bescheidene Ausmasse , die Schlafräume sind merkwürdig ineinandergeschachtelt , und die Küche bildet einen Teil des Aufenthaltsraumes , der dadurch eine gewisse gesellige Note erhält . Samstag , 10. September 1988 : zweiter Akt Während wir am Vorabend allein in der Wand waren , gibt es heute mehr als zehn Seilschaften , Anwärter auf die klassische Route . Das bestärkt uns in unserem Entschluss , den Heim zu tragen . Es sei noch bemerkt , dass wir an Stand 5 und Stand 7 zu unserer Überraschung uns unbekannte alte Reihen von Haken und Bohrhaken gekreuzt haben , zwei einstige Routenführungen , die sich offensichtlich zu unserer Linken fortsetzen . Eine letzte Verschneidung , eine letzte abdrängende Stelle , und wir sind wieder in der Nähe der klassischen Route , am Ende der Schwierigkeiten und wenig unterhalb des Gipfels . Dort erleben wir die Überraschung - sie ist gegenseitig - , unsern Freund Kaspar Ochsner zu treffen , den grossen Spezialisten dieser Region ( Kaspar hat zahlreiche , sehr schöne Routen gerade gegenüber , am Simelistock , eröffnet ) . Route . AS-/ 550 m / Passagen 6b zwingend / 6c in Freikletterei . Sehr interessante Kletterei , besonders in der mittleren Zone , die ein gewisses Engagement verlangt und den Charakter einer grossen Kalkwand bietet . Abseilen von Stand 13 ( 45-m-Seile ; maillons rapides vorhanden ) oder vom Gipfel über die Westflanke Erstbegehung : Helvetiaplatz 4 , 3005 Bern , Telefon 031/433611 , Telefax 031/446063 . Publikationenchef CC Gotthard 1989-1991 Dr. Hansjörg Abt , Telefon 01/2581261 , Telefax 01/251 4424 . Druck und Expedition Stämpfli + Cie AG , Postfach , 3001 Bern , Telefax 031/240435 , Postscheck 30-169-8 . Blick vom Hochland auf die Gipfel der Cordillera Blanca ( Peru ) Photo : Monatsbulletin Fr. 2.- . Nachdruck : Zugeschickte Beiträge : Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen , doch wird jede Haftung abgelehnt . Beglaubigte Auflage : 71 176 Exemplare . Unsere Erfahrung war sehr gering , unsere Ausrüstung rudimentär , unsere Begeisterung dagegen ansteckend und unsere Entschlossenheit ohne Fehl . Hatten wir nicht im vergangenen Sommer das Finsteraarhorn bestiegen , und würden wir nicht in einigen Monaten zum Montblanc und zum Matterhorn zurückkehren ? Andere dagegen zwingen durch immer neue Hindernisse zu vielfachen Versuchen , so dass man sich am Ende von ihnen verabscheut fühlt ; es scheint , als hause ein böser Geist im Berg . Es gibt noch eine dritte Art , deren Vertreter sich zunächst in einem freundlichen Licht zeigen , dann aber einen üblen Trick bereithalten , eine Art coup de Jarnac , einen heimtückischen Streich , der die Fähigkeiten des Kletterers auf eine harte Probe stellt . Etwas höher , in der Nähe des Windjochs , musste die Tour dann wegen überreichlicher Neuschneemengen ein Ende finden . Bei der Abfahrt sind die beiden mutigen Gesellen offenbar ihrer eigenen Spur auf etwa zehn Zentimeter genau gefolgt , denn André stürzte in dasselbe Loch und hing dort an seinen quer in der Spalte verklemmten Ski ! Drei Jahre später , am ZinalRothorn , fand André sozusagen vor meinen Augen bei einem unglücklichen Pendelsturz von rund zehn Metern , in einer Passage ohne Schwierigkeit , den Tod . Wenn ich aber glaube , was Livanos über den grossen Riccardo Cassin gesagt hat , so genügt es nicht , auf das Glück zu warten , man muss es auch mit der nötigen Entschiedenheit herbeirufen . Erinnern sich diejenigen , die uns damals geholfen haben , noch an den 12. August 1973 ? Äusserst tüchtige Retter von der Air-Zermatt , Bergführer und Alpinisten , deren Namen ich nicht kenne ( mit Ausnahme von Alain Junod und Denis Berger , Sektion Diablerets , die den Alarm auslösten ) , denn ich habe in dem Durcheinander des Geschehens nicht daran gedacht , sie danach zu fragen . Ein schändlicher Streich Die Genfer haben ihre eigenen Gewohnheiten , das sei ohne die geringste Anspielung auf den etwas abgenutzten Witz gesagt , mit dem die Miteidgenossen die Redeleistung und das ewig mäklige Temperament der Leute vom Ende des Genfersees mit dem Umfang ihrer Stimmorgane in Verbindung bringen . Am Freitag stiegen acht der Muntersten zur Mischabelhütte auf , was andere Alpinisten und sogar einige Führer veranlasste , ebenfalls aufzusteigen . Am nächsten Tag waren wir fünf , die auf das Nadelhorn wollten . Ich führte die folgende , unterstützt von Paul Delisle , dem getreuen Gefährten unzählbarer Unternehmungen im Gebirge . Zwischen uns hatten wir ein neues Mitglied . Er richtet unvermutet eine Frage an mich : ( Wenn ich falle , hältst du mich dann?> - Umfeld , so zum Beispiel zufällig anwesende Personen , derart motivierend wirkt , dass ein Kletterer sich plötzlich mit anscheinend grösster Sicherheit am Fels bewegen kann . Um so wertvoller und erlebnisintensiver werden deshalb jene Momente empfunden , in denen man sich den Anforderungen gewachsen fühlt , selbst wenn die Ziele sehr hoch gesteckt sind . Routenziele Bei der Fusion handelt es sich um eine Kombination aus einer bestehenden Route im 9. Schwierigkeitsgrad und einer davon abzweigenden Traverse über ein ausladendes Dach . Nach einer steilen , mit messerscharfen kleinen Griffen bestückten Passage und einem eindrücklich ausladenden Dach folgt die Stelle , an der sich alles entscheidet . Das Vor und Nachher ist verhältnismässig leicht in den Griff zu bekommen , nicht aber die Loslösung von der ursprünglichen Linie , die gerade aufwärts weiterführen würde . Neben einem kurzen mit der etwas speziellen Linienführung und den originellen Bewegungsabläufen vor und nach der Schlüsselpassage reicht es gerade noch für je einen Vorstiegsversuch . An der Schlüsselstelle sind wir aber bereits völlig ausgepumpt , chancenlos , den ( Absprung ) von der geraden Linie überhaupt zu wagen . Eine Woche später droht sich die Zeit des stabilen schönen Herbstwetters ihrem Ende zu nähern . So können wir den vielleicht letzten sonnigen Herbsttag nützen , und Gabriele hätte die Möglichkeit , sich etwas von ihrer weiten nächtlichen Anfahrt aus Deutschland zu erholen . Die Berge sind schon weit hinunter eingeschneit , und bis auf einen einzelnen Kletterer , der am Einrichten einer neuen Route ist , sind wir hier oben allein . Ein 7. Grad zum Einklettern und einige kurze Testzüge in den schwierigen Passagen der Route mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Schlüsselzug dienen der Einstimmung . Das kostet zu viel Zeit , um sie für das schwierige Nachgreifen freizubekommen . Ihre Anweisungen helfen mir in diesem Moment sehr viel , und es geht auch gleich deutlich besser . Pause . Wir wandern ein wenig umher und schauen uns den neuen kleinen Klettergarten an . Dann auch das Bschüttigütti . Ich fühle mich gut . Wiederum bekunde ich Mühe , die Bewegung im entscheidenden Moment genau zu erfühlen und zu kontrollieren . Ich spüre nur , dass etwas noch nicht ganz stimmt . Gabriele gesteht mir noch einen Versuch zu , nur noch diesen einen . Beim Losklettern frage ich mich kurz , ob sie wohl ungeduldig ist oder ob andere Überlegungen dahinterstecken . Bestimmt würde sie mich noch einen weiteren Anlauf machen lassen , selbst wenn ich genau weiss , dass Konzentration und Kraft dazu nicht mehr ausreichen , dass die Haut an der Fingerspitze bald durchreisst und bei aller Feilscherei um einen fünften Versuch dieser mit Sicherheit danebengehen würde . Im Dach ist kein Platz für derartige Überlegungen . Dann der Überkreuzer an den winzigen Griff , der nötige Druck auf den Fussen , der Zwischengriff , und - mit etwas Glück - erwische ich den Schlitz mit einem Teil der Fingerspitzen . ■rlebnis Selbsanft-Nordgrat Albert Schmidt , Engi ( GL ) Prächtiges warmes Spätsommerwetter , keine Gewitter mehr und deshalb eine trockene Route - einmal mehr lockt uns der Berg in seine gewaltigen Nordabstürze . Für das Wochenende vom 28./29 . September 1985 habe ich mich mit meinen Seilkameraden Johann Stoffel und Harry Zweifel verabredet . Blick vom Vorder Selbsanft ( Hauser-horn)auf den Tödi sich plötzlich der Blick ins Limmerentobel , aus dessen uneinsehbarer Tiefe sich die gewaltigen Kalkwände des Muttsee und Selbsanftmassivs aufbäumen . Bei einer Wasserfassung der KLL beginnt oben in der rechten Felswand der ( Birchen-gang> , ein schmales , abschüssiges Schrofen 41 und Felsband , das steil zur untersten Schulter der Nordflanke hinaufzieht . In kurzer Zeit wächst unter uns die schwindelnde Tiefe des Limmerentobels . Wir gehen hier unangeseilt , darum verlangt jeder Schritt Konzentration und Selbstsicherheit . Von diesem ersten exponierten Absatz , dem Birchli , geht es nun durch Alpenerlen und über eine Felsstufe direkt den Berg hinan . Er leuchtet direkt in unsere Höhle , und mit zunehmender Höhe fällt sein 42____________________________________ mildes Licht in die Tiefe der Limmeren-schlucht , breitet einen transparenten Schleier über die vorher harten , tiefschwarzen Flächen und Konturen der Bergwände . Wir zünden eine Kerze an , die ihr warmes Licht auf unser felsiges Biwakdach wirft , dann krieche ich in die engste Spalte des Berges hinein , um auf dem Bauche liegend die einmalige Szenerie mit der Kamera einzufangen . Wahrscheinlich kommen wir wieder einmal hierher , aber eine solche Nacht werden wir wohl nie mehr erleben können . Allmählich nähert sich der Mond der hohen Horizontlinie des Selbsanft , berührt sie und verschwindet . In unserer Balm wird es dunkel , und wir schlüpfen in die Schlafsäcke . Die Stille der Nacht , nur unterlegt durch das leise Rauschen der verbleibenden Limmerenwas-ser , wiegt uns bald in den Schlaf . Die Firnflächen der Claridengruppe und die Gletscher des Tödi leuchten blendend weiss in der Morgensonne , während im schon weit unten liegenden Tal immer noch dunkle Schatten lagern . Die hier ansetzende senkrechte Bastion wird auf ihrer Ostseite von einer kaminartigen Verschneidung durchzogen . Als alte Schlaumeier wissen wir , wie man eine solche Stelle anpackt : Neben dem Klotz des Mittler Selbsanft thront im Süden der Tödi in seiner ganzen Wucht über den Matten und Felsen des Bifertenalpli und der Röti . Auf der Ostseite des Selbsanftmassivs liegt-weit unter uns - der Limmerensee mit seinem hellen graugrünen Wasser , gesäumt von den schattigen , zerklüfteten Bändern und Stufen des Kistenpasses . Drüben aus der schuttgrauen Mulde zwischen Nüschenstock und Ruchi schaut das blaue Auge des Muttsees hervor , und rechts davon können wir noch die gleichnamige Hütte entdecken . Talwärts gewandt , fasziniert uns der überwältigende Tiefblick fast 2000 Meter hinunter ins Tierfed , in die Abgründe der Sandalp , des Limmerentobels und der Linthschlucht . Jetzt aber wendet sich unser Auge wieder dem Näherliegenden zu den Seiten des alten Gipfelbüchleins , das wir der blitzbeschädigten Büchse entnehmen . Die Gipfelstunde vergeht im Fluge , bis uns ein Blick auf die Uhr zum Aufbruch zwingt . Auf den Höhen des Selbsanftmassivs Wir klettern vom Gipfelturm hinunter und wandern über die öde Gratsenke zum Mittler Selbsanft , den wir nach derTraversierung eines Geröllhangs durch ein Firncouloir ersteigen . Oben auf dem Plateau öffnet sich ein weiter Horizont unter einem ebenso weitgespannten Himmel . Aus dem engsten Verlies des Berges hinaufzusteigen , 1700 Meter höher , in Stunden voller Anstrengung , in schwierigem Gelände , um dann hier auf fast 3000 Meter Höhe diese helle , sonnendurchflutete Hochgebirgswelt zu erfahren - dieses Erlebnis wird nur ein Bergsteiger nachvollziehen können . Über die weitgeschwungenen Höhenrücken von Plattas Alvas gelangen wir im Glanz der Firnfelder südwärts . Hier oben , auf dem gewölbten , rauhen Rücken des mächtigen Berges , wird die Verlassenheit und die Urtümlichkeit dieser Region beinahe körperlich spürbar . Ein langer Abstieg Nach der Mittagsrast in einer sonnenwarmen Firnmulde steigen wir zuerst über den Griessfirn , dann über zerrissene helle Platten , Moränen , Schutt und Geröll zum Ende des Limmerenfirns hinunter . Die vor uns liegende Wegstrecke wird also noch einen anstrengenden zweistündigen Einsatz erfordern . Hoffentlich schaffen wir es noch , die letzte , um halb fünf talwärts fahrende Gondel zu erreichen ! ■rinnerungen Piz Buin und Piz Platta Romedi Reinalter , S-chanf Piz Platta im Oberhalbstein Die Skitouren der SAC-Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta in den Rhätischen Alpen gehören schon lange der Vergangenheit an . Einmal in den hektischen Alltagsbetrieb zurückgekehrt , musste bald diesem , bald jenem Priorität gegeben werden , so dass vieles , das auf den ersten Blick weniger von Belang erschien , auf die lange Bank geschoben wurde . Aber aufgeschoben ist nicht aufgeho- ben , denn ein solches Versprechen wirkt weiter , macht sich bemerkbar , bleibt als ständiger leiser Vorwurf bestehen . Soeben habe ich am Fusse der Crasta Mora , auf einem südexponierten Hang gepicknickt . Meine Augen folgen ihm , bis er in der Ferne verschwindet , und meine Gedanken schweifen zurück . Zurück zu den Skitouren der Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta . Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche , was damals vorgefallen ist , muss ich geste hen , dass mir viele kleine , lustige Einzelgeschichten und Anekdoten , die sich in der Gruppe abgespielt haben , nicht mehr vollständig präsent sind . so zum Beispiel die Schmerzen , die eine Blase beim Laufen verursacht , der Tanz mit hohen Bergschuhen in einer kleinen , getäferten Wirtsstube im abgelegenen Maiensäss , die Wolkenbilder , die am Fuss des Piz Platta bei einem Wirbelsturm entstanden , oder die Laute der Schneehühner , die frühmorgens beim Wegmarsch von der Buinhütte zu vernehmen waren . Für mich wäre es nun sinnlos , die ganze Tour schriftlich nachzuvollziehen , vielleicht auch zu mühsam , die Erinnerungsbruchstücke aneinanderzureihen . Immer wieder frage ich mich - fragt sich wohl jeder - , weshalb man in aller Frühe aufsteht , bei klirrender Kälte schlotternd am Parkplatz bei der Post in St. Moritz Bad auf die Tourenkameraden wartet , einen langen , beschwerlichen Aufstieg auf sich nimmt und schwierige Passagen bei der Abfahrt meistert . Trotzdem bieten die Berge dem mit Schwierigkeiten behafteten Menschen keinen Ausweg aus einem unerfüllten Leben . Jeder von uns verfügt über einen Lebensraum , der ihm mehr oder weniger vertraut ist . Denn damit dieses Leben lebenswert sein kann und auch eine gewisse Spannung enthält , damit der Mut zum Risiko nicht vergeht , braucht und sucht jeder für sich ihm noch ferne oder sogar noch unbekannte Lebensbereiche . Wenn ich allein und mit offenen Sinnen durch die Landschaft schweife , spüre ich bisweilen , wie es zu einer subtilen Berührung zwischen der Natur und dem Menschen kommt . iweimal Rheinwaldhorn Peter Donatsch , Mastrils Sonnenstrahlen zwängen sich durch die schmalen Ritzen der heruntergekurbelten Rolladen und malen Balken gleissenden Lichts auf den Boden . Das fahle Grün des Bildschirms beginnt zu verschwimmen , die Buchstaben tanzen vor den Augen - innerlich habe ich den PC bereits abgeschaltet . George holt mich ab . Ich sehe ihn vor mir , wie er diskret durch die Hallen schreitet , sich in höflichster Art seinen Gästen widmet , in fünf Sprachen sich fliessend mit ihnen unterhält , Lob freundlich lächelnd entgegennimmt und bei Tadel sofortige Abhilfe verspricht . Bis Ilanz sprechen wir noch von Geschäft und Arbeit , aber dann auf der Fahrt durchs enge Tal den Valserrhein entlang nimmt uns die Bergwelt endgültig gefangen . Zwei Stunden später , schon eine Unendlichkeit vom Alltag entfernt , lassen wir den azurblauen Wasserspiegel des Zervreila-Stausees hinter uns und betreten die urtümliche Steinwelt des Läntatals . Wolken umhüllen das Rheinwaldhorn und wälzen sich schwerfällig über den Gletscher hinunter . Längst schon sind wir völlig durchnässt . Das Rheinwaldhorn scheint heute keine Lust auf uns zu haben . Den Pfad haben wir längst aus den Augen verloren . Das erweist sich jedoch als Irrtum , da neue Zuflüsse das Gewässer nur noch verbreitern . Somit gibt es nur eines : Wir buchstäblich auf dem Weglein abwärts , um der Sonne entgegenzueilen , die im untersten Teil der Lampertschalp - welch ein Hohn - den ganzen Vormittag geschienen hat . Zweiter Akt Das Bild vom weissen Spitzchen , dem Gipfel des Rheinwaldhorns , hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben . Aber im Grund verwünsche ich mich selbst , ärgere mich , dass ich dem Zwang , heute Abend noch in die Läntahütte aufzusteigen , nachgegeben habe , obwohl wir den ganzen Tag in einem verrauchten Zimmer an irgendwelchen Sitzungen teilgenommen und Weisswein getrunken haben . Ist das nicht die Hütte da vorn , dieser dunkle Schatten ? Pius hat mindestens eine Viertelstunde Vorsprung . Bloss seine Spur , manchmal nur oberflächlich zu sehen , meist aber deutlich ausgeprägt , weist mir den Weg . Der Gedanke gibt mir wieder Kraft für die nächsten hundert Meter . Von der Hütte immer noch keine Spur . Ich denke an den Gleitschirm im Rucksack . Es ist eine Kraft , die ehrlich ist , die nichts vorspiegelt . Somit ist auch der abendliche Alptraum in dem Moment schon vergessen , als wir am nächsten Morgen , zwar immer noch übertük-kisch verblasene Schneefelder , aber mit dem weissen Spitzchen vor Augen gegen den Län-tagletscher aufsteigen . Markus , der Gewichtigste unserer kleinen Gruppe , bahnt uns einen Pfad . Wo er nicht mehr einbricht , wird der Schnee auch uns tragen . Auf dem Gletscher führt abwechslungsweise jeder eine kurze Strecke . Auch der Gipfelgrat ist schneefrei und hart gefroren . Ich denke zurück an unser letztes Rheinwaldhorn-Erlebnis und geniesse jeden Moment doppelt . Wie von Meisterhand geschaffen , ebenmässig , nur den wichtigsten graphischen Linien verpflichtet , steht der Gipfel vor uns , Tor zu einer weiteren Dimension , unsichtbare Kraft , Ziel . Unerreichbar in das unendliche Blau des Himmels aufstrebend , erscheint das Rheinwaldhorn vom Tal aus . Für uns aber ist es nur ein Schritt auf dem Weg zu jenem Ziel , zu dem wir während unseres ganzen Lebens unterwegs sind . Wv - Weg der Erinnerungen Willy Auf der Maur , Seewen ( sz ) Wo sie fehlt , erstarren Gesichter zu Masken , verkommen Gespräche zu Gerede , bleiben Seilstränge in den Ästen hängen ( weil der eine Kletterer rechts , der andere links der Legföhre aufsteigt ) . Harmonie braucht meist wenig Worte , ist diskret , leise , so leise , wie es unsere Schritte heute sein möchten , im Bergwald und in den ersten , gestuften Felsen über den Baumwipfeln . Die Einstiegsplatte Schweigen könnte auch eine Art Egoismus sein , vermute ich , und da ich bei meinen beiden Weggefährten - Neulingen im Umgang mit bestandenen Bergsteigern - nicht den Eindruck von Selbstsucht oder Eigenbrötelei erwecken möchte , fühle ich mich am eigentlichen Einstieg zum Wyss Wändli , der leichtesten der Westwandrouten am Grossen Mythen , bemüssigt , Akzente in die tote Stille zu setzen . Visionen tauchen in mir auf : verkniffene Gesichter , Gestalten , die auf den Knien über die geschliffene , helle Fläche hinaufkriechen , die zwei grossen Obdörfler , die wie Rosenkranzperlen am Ende meines Seils hängen , nachdem der eine ins Rutschen gekommen und den andern aus dem Stand gerissen hat . , füge ich gnädig lächelnd hinzu . Die Gesichtszüge von Susi und Ruedi entspannen sich . Holzegg und Mythen , im Hintergrund die Urner Alpen ( Flugaufnahme ) Ich mache es gleich vor , an diesem etwas nebligen Tag , so wie man es mir vorgemacht hat , vor vielen Jahren . Hätte die Goldrose , wie die Blume bei uns genannt wird , ihren formvollendeten Kelch im Winde gewiegt , mein Mund wäre ein weiteres Mal übergelaufen , wie er es auch schon in der ersten halben Stunde unseres Aufstiegs , im Mythenbann , getan hatte , als wir an einem zweimal mannshohen grünlichgrauen Felsblock vorbeiwanderten . Die Vision war zu erheiternd , zu erhebend auch , als dass ich sie meinen feinfühligen Seilgefährten hätte vorenthalten können . Auf der Rampe Inzwischen sind meine Gefährten unbeschadet bei mir angekommen , und so kann ich die zweite Seillänge in Angriff nehmen . Es ist dies eine steile , eher griffarme Rampe . Ich aber muss zu meiner Schande gestehen , dass mich in diesen fünf , sechs Metern schon öfters eine leichte Unruhe überfallen hat . Ich erreiche den Standplatz auf dem Genecand-Gesims . Unser Heil liegt drüben , hinter einer abschüssigen , grasdurchsetzten Rippe , in einem System von Rinnen und Bändern . Das Genecand-Gesims Fragen Sie niemanden , wo dieses zu finden sei . Den Dingen einen Namen zu geben , ohne dass es jemand ahnt , ist nämlich meine heimliche Leidenschaft . Das Gesims habe ich so getauft , weil wir hier in meinen alpinen Lehrjahren jeweils die Schuhe gewechselt haben : Ihnen schenkte der Tricouninägel neue Horizonte , ein erstarktes Selbstbewusstsein und viel Lebensfreude . Das Klirren und Geixen des griffigen Beschlags auf abgeschliffenem Kopfsteinpflaster war schönste Musik , auch wenn sich darob verwunderte Frühmessegänger um drehten , Katzen um die Hausecken huschten und Vorhänge in Bewegung gerieten ( wer weiss , aus welchem Garn damals die Träume der jungen Mädchen - und stellvertretend ihrer Mütter noch gewoben waren ! ) . Im harten Firn , im Geröll , im rauhen Granit , überall bissen sie herzhaft zu . Hier waren sie in ihrer Gier kaum mehr zu bremsen , und deshalb war die Zeitepoche der Tricouninägel auch diejenige der grossen Grasrouten . nenne . Concierges gibt es übrigens viele in den Bergen . ( Seht ihr dort oben , links über der Schlucht , die Schlingen in der Wand ? ,Du musst nur ... Die Belastung war rein psychologischer Art , und darum werde ich diese Route nie mehr klettern . Susi lacht , Ruedi auch , ich lache , unsere ganze kleine Welt lacht mit : Am Quergangband Wir sind auf dem Band angelangt , das uns an seinem südlichen Ende den Ausstieg auf die Mythenmatt vermitteln wird . hätte ich ihnen angeraten , wie ich es vor Jahren Seffi empfohlen habe . An meinem Seil befand er sich , weil er vernommen hatte , dass auch schon Vertreter des schönen Geschlechts über das Wyss Wändli geklettert seien . ( Was das Weibervolk kann , kann ich auch ! ) Ein Naturfreund , aber kein Freund von Tiefblicken , denn mein Ansinnen hatte er entrüstet vom Tisch gewischt . Es ist ihm an meinem Seil an diesem Tag auch wirklich nichts passiert , dem Seffi ! Hier und jetzt , über der Legföhre , unter der ich durchgeschlüpft bin , mitten in der Wandstufe mit den sauberen , waagrechten Leisten müsste man mich fragen , warum ich klettere . Kein Mensch , nicht einmal unsere alpinen Lehrmeister , hätten uns damals erklären können , wie das technische Klettern geht . Sie verlangte , dass der Vordermann abwechslungsweise den einen , dann den andern Strang des Doppelseils in die Hakenreihe einführte , und weil auf den primitiven Zeichnungen weder eine Stehschlinge noch eine Trittleiter zu entdecken war , musste es offensichtlich Aufgabe des Seilzweiten sein , den Kameraden hochzuhis-sen und das Seil so lange strammzuhalten , bis der nächste Haken geschlagen war . Köbel sah sich später ins Unrecht versetzt , den Tricouninägeln ist er aber meines Wissens trotzdem sein ganzes Leben lang treu geblieben . Ist dies nicht ein Grund , sein Andenken noch besonders in Ehren zu halten ! Alpinisten pflegen darin Bergbilder aufzuhängen , und da der Eintritt in diesen Raum an keinerlei Formalitäten gebunden ist , lassen sich diese aufbauenden Gemälde im Alltag bei jeder beliebigen Gelegenheit betrachten . Eine Örtlichkeit , wo sich solche Bilder sammeln lassen , ist das Rot Grätli am Gipfelkopf des Grossen Mythen . Die Bilder sind hier dreidimensional , gehen in die Höhe , in einen Himmel , an dem die rote Schweizerfahne flattert , in die Weite , zum Zürichseebecken , zum Alpstein , in die Urner und Unterwaldner Alpen , in die Tiefe , auf die dunkeln Wälder und blühenden Weiden des Alptals , auf den bunt gefleckten , mit Seen geschmückten Talkessel von Schwyz . Auch uns drückt man , wie erwartet , ein funkelndes Glas in die Hand . Es sind all die Concierges , denen ich im Aufstieg nachgesonnen . Sie alle heben prostend ihr Glas , zwinkern und lachen mir freundlich zu . Ich hab's ja immer gesagt : Es muss nicht immer Bilderbuchwetter sein : Aufbruch vom Einstiegssattel der Wyss-Wändli-Route am Gr . Mythen .