jngspitz-Nordostwand direkt Michel Piola , Vernier Die ca. 600 m hohe Nordostwand des Kingspitz ( Engelhörner , BO ) 9. September 1988 , bei Tagesanbruch Dring ... dring ... Wie mühsam ist das Aufstehen noch vor dem Morgengrauen ( es ist 4.45 Uhr morgens ) , vor allem , wenn man im warmen Bett zu Hause liegt und nicht in einer Hütte oder einem Biwak ! Die Enge und Unbequemlichkeit eines solchen fördert naturgemäss einen ziemlich schnellen Wechsel in die Senkrechte . Und das gleiche gilt für den durch das bevorstehende Unternehmen ( Anmarschweg oder Klettertour ) ausgelösten Wunsch nach Bewegung . Ausserdem braucht man die Unannehmlichkeiten nicht allein zu ertragen ! Dagegen fehlt zu Hause , wenn die ganze Stadt noch schläft , erschöpft von der Arbeit des Tages oder einem stürmischen Samstagabend , ein solcher Anreiz vollkommen . Dring ... dring ... Diesmal muss ich reagieren ; los , auf ! Schnell ziehe ich mich an , esse eine Schale Getreideflocken mit gutem Zitronensaft , nehme den am Vorabend sorgfältig gepackten Sack auf meinen noch vom Schlaf steifen Rücken und öffne die Tür : Alles scheint in Ordnung , einige blasse Sterne schimmern durch den üblichen Smog der Stadt ; es wird heute schön werden . Einfahrt des Intercity-Zuges von Genf/Aeroport nach Bern , Abfahrt 6.02 Uhr , Wagen 2. Klasse an der Spitze , Speisewagen in der Mitte , ...> Bequem in einem leeren Wagen installiert , sinne ich darüber nach , wie diese beiden Klettertage mit Daniel Anker , einem meiner getreuen Gefährten des Sommers , wohl sein werden . Mit Daniel , der mir am Telefon von seinem Wunsch erzählt hat , am Kingspitz , einem berühmten Gipfel in der Gruppe der Engelhörner , eine neue Route zu eröffnen . Da ich dieses Massiv in den Berner Alpen noch nicht kenne , kann ich mir nur ausmalen , was es wohl mit dieser fast 600 Meter hohen Kalkwand auf sich hat , die in einer Region liegt , in der es nur wenig Wände von dieser Art und Ausdehnung gibt ( natürlich abgesehen von der 1650 Meter hohen Eigernordwand ) . Und wie wird die Qualität des Gesteins sein ? Die von M.Lüthy , H.Haidegger und H.Steuri 1938 eröffnete klassische Route der Nordostwand geniesst einen besonderen Ruf : Im Führer ist von einem im ganzen guten Fels die Rede , dann wird aber präzisiert , dass es sich um eine dolomitenähnliche Wand handelt und darum gewisse Vorsichtsmassnahmen nötig sind , vor allem , wenn sich andere Seilschaften in der Route befinden . Zudem , und das wird unser Hauptproblem sein , werden wir uns beeilen müssen , denn Daniel wird morgen abend in Bern zurückerwartet . Das Rennen gegen die Uhr hat begonnen ! Schon Bern . Ein Heer von Arbeitern ergiesst sich aus den Wagen und verschwindet in der Tiefe des Bahnhofs . In dieser Menge , zwischen einer nach billigem Parfum duftenden Sekretärin und zwei sehr ( zu ? ) dynamischen Kaderleuten , kann ich nicht anders , als mit meinem Rucksack in der von der Menge bestimmten Richtung zu treiben und dabei zu hoffen , das Gedränge möge ein wenig nachlassen und mir eine Chance geben , zu entwischen und Daniel zu treffen - aber wo eigentlich ? Mir bricht der Schweiss aus : Wir haben versäumt , einen Treffpunkt auszumachen ! Was tun , damit wir uns in dieser Menschenflut finden ? Zum Glück wird der Menschenstrom langsam etwas dünner , das Vorankommen ein bisschen leichter , und ich habe gerade noch Zeit , ein Stück einer roten Hose und einen Trek-kingschuh zu entdecken , die um eine Treppenecke verschwinden . Mit der Überlegung , dass der durchschnittliche Beschäftigte im Dienstleistungssektor im allgemeinen nicht solche Attribute hat , beginne ich eine wilde Verfolgungsjagd , die mich bald in die Nähe des fraglichen Schuhs bringt , neben dem netterweise ein zweiter auftaucht , so dass sie ein Paar bilden . Es ist wirklich Daniel ! Wir steigen in seinen kleinen Wagen , um den Ausgangspunkt unserer Unternehmung zu erreichen , den Parkplatz oberhalb Rosenlaui , kurz hinter Meiringen . Zum Kingspitz Zuerst müssen wir das für unsere Besteigung notwendige Material auswählen , wobei einige wichtige Entscheidungen nötig werden . Obgleich uns das Biwakieren im Freien viel Freude macht ( wir tun es so oft wie möglich ) , entschliessen wir uns gleich zu Beginn , in der Hütte zu übernachten . Das erspart uns Gewicht , weil wir nur eine Nacht in den Bergen zubringen werden . Anschliessend müssen wir uns entscheiden , welche Taktik wir für die Ausrüstung der Route wählen wollen : Sollen wir die Seillängen und Standplätze vollkommen mit Bohrhaken ausgerüstet lassen , wie man es im allgemeinen im Klettergarten macht ? Oder sollen wir einen Mittelweg einschlagen , der darin besteht , nur die Standplätze ( zum Abseilen ) und jene kompakten Partien auszurüsten , bei denen eine Sicherung mit Klemmkeilen nicht möglich ist ? Wir entscheiden uns für diese zweite Lösung , einerseits aus finanziellen Gründen , dann aber auch , weil wir meinen , es sei heutzutage wichtig , Kletterer zu grösserer Verantwortung im Gebirge zu veranlassen . Die Tatsache , die Klemmkeile selbst anbringen zu müssen , seine Route sowenig wie möglich auszurüsten und manchmal Rücksicht auf die direkte Umgebung zu nehmen , begünstigt , wie uns scheint , einen Reifeprozess beim Kletterer . Diese sogenannte Technik der ( Minimalabsicherung ) ist die im allgemeinen im Hochgebirge angewandte Methode , vor allem in Granitwänden , in denen die freiliegenden Risse eine verhältnismässig einfache Sicherung ermöglichen . Sie wird dagegen in Kalkwänden selten benutzt , weil sich einerseits diese Gesteinsart weniger gut eignet und andererseits der Einfluss der Klettergärten , wo die ganze Ausrüstung an Ort und Stelle vorhanden ist , sich dort entscheidend bemerkbar macht . Mancher wird sich wundern , dass wir nach dem Gesagten nicht weniger als 58 Bohrhaken in der Route beliessen . Aber man muss diese Zahl im richtigen Verhältnis sehen . Ganz besondere Aufmerksamkeit muss in dieser Hinsicht dem Problem eines Sturzes auf den Boden und des möglichen Anpralls gegen eine Besonderheit im Gelände ( z. B. gegen eine Ver-schneidungswand oder von einem Überhang auf eine geneigte Platte ) gewidmet werden . Schliesslich ein letztes , ethisches Problem : die Verwendung des batteriebetriebenen Bohrers . Für uns gibt es keinen Grund , sie in Frage zu stellen . Der einzige und schwere Verstoss gegen die sportliche Herausforderung ist die Eröffnung der Routen von oben ( vor allem im Gebirge ) , ein Vorgehen , das die Ausrüstung von Routen erlaubt , deren Schwierigkeitsgrade der Autor nicht notwendigerweise beherrscht . Nachdem diese Probleme gelöst sind , müssen wir nur noch unsere Lasten so ordnen , dass sie dem Aufnahmevermögen unserer Rucksäcke entsprechen , und dann mit munterem Schritt den herrlichen Weg zur Engelhornhütte in Angriff nehmen . Es ist 11 Uhr vormittags . Ende des ersten Aktes Über die Kletterei selbst ist eigentlich wenig zu sagen , ausser dass wir am Anfang des Nachmittags die Besteigung des Sockels der klassischen Route von 1938 bis zum Beginn des ersten steilen Aufschwungs ( etwa 100 Meter über dem Wandfuss ) in Angriff nehmen . Nachdem wir dieser Route noch einige Seillängen gefolgt sind , um uns in dem Plattenlabyrinth zu orientieren , kehren wir auf die Höhe des Sockels zurück , um uns links einer markanten braunen Ader zuzuwenden , deren Fels etwas stärker strukturiert wirkt als die benachbarten schwärzlichen Platten . Nachdem wir zweieinhalb Seillängen in diesem merkwürdigen Felsband geklettert sind , können wir uns nach rechts wenden , um den Anfang der zentralen Zone grauer Platten zu erreichen , eine grossartige kompakte Rutschbahn , die eine anhaltende , schwierige und technisch anspruchsvolle Kletterei verheisst . Doch die auftretenden Gleichgewichtsund Adhäsionsprobleme können uns nicht daran hindern , Gedanken und Blicke über die Grate und Gipfel rings um uns schweifen zu lassen . So bewundern wir mit Vergnügen zwei Seilschaften , die den Westpfeiler der Vorderspitze ersteigen . Es ist eine sehr schöne klassische Route des oberen vierten Schwierigkeitsgrades ; die Form des Pfeilers hebt sich dank des Spiels von Licht und Schatten , in dem der Fels irisiert , verblüffend klar ab . Wir selbst bleiben an unserer kalten Nordostwand im Schatten . Darum halten wir , als wir beschliessen , unser Material am fünften Standplatz zu deponieren , unsere Faserpelzjacken nicht für überflüssig . Danach kehren wir um , seilen uns ab in Richtung Hütte , wo wir kurz vor Einbruch der Nacht eintreffen . Die Engelhornhütte besitzt noch den etwas altmodischen , aber so liebenswerten Reiz einer echten Berghütte , die von unmässigen Vergrösserungen und Modernisierung verschont geblieben ist . Der Bau hat bescheidene Ausmasse , die Schlafräume sind merkwürdig ineinandergeschachtelt , und die Küche bildet einen Teil des Aufenthaltsraumes , der dadurch eine gewisse gesellige Note erhält . Die an der Waldgrenze erbaute Hütte weckt zusammen mit ihrer bukolischen Umgebung im Besucher ein schwer zu beschreibendes Gefühl , eine Art inneren Frieden und Heiterkeit , Garanten für Erholung und einen unvergleichlichen Schlaf . Wir beeilen uns , das zu beweisen ! Samstag , 10. September 1988 : zweiter Akt Während wir am Vorabend allein in der Wand waren , gibt es heute mehr als zehn Seilschaften , Anwärter auf die klassische Route . Das bestärkt uns in unserem Entschluss , den Heim zu tragen . aber die zum Glück bemerkenswerte Seltenheit herunterregnenden Gerölls verdient es , die Korrektheit und Meisterschaft der uns benachbarten Seilschaften zu betonen . Im Plattenpanzer der Kingspitz-Nordostwand Im Augenblick , als wir unser Materialdepot erreichen , kommen wir in den Genuss der einzigen , allerdings nur kurzen sonnigen Phase des Tages . Wir nehmen die Fortsetzung unserer Route in Angriff , an unserem achten Stand kreuzen wir die klassische Route von 1938 . Es sei noch bemerkt , dass wir an Stand 5 und Stand 7 zu unserer Überraschung uns unbekannte alte Reihen von Haken und Bohrhaken gekreuzt haben , zwei einstige Routenführungen , die sich offensichtlich zu unserer Linken fortsetzen . Der zweite Teil unserer Route , oberhalb von Stand 8 , erfordert bald grössere Vorsicht wegen der Qualität des Gesteins , dies um so mehr , als wir jetzt oberhalb der in der klassischen Route kletternden Seilschaften sind . Eine letzte Verschneidung , eine letzte abdrängende Stelle , und wir sind wieder in der Nähe der klassischen Route , am Ende der Schwierigkeiten und wenig unterhalb des Gipfels . Dort erleben wir die Überraschung - sie ist gegenseitig - , unsern Freund Kaspar Ochsner zu treffen , den grossen Spezialisten dieser Region ( Kaspar hat zahlreiche , sehr schöne Routen gerade gegenüber , am Simelistock , eröffnet ) . Unsere Zeit geht zu Ende , wir können den Gipfel heute nicht mehr erreichen . Darum beginnen wir nach einer letzten , mit der klassischen Route von 1938 zusammenfallenden Seillänge - zur Beruhigung meines Gewissens - , uns abzuseilen . Wir erreichen das Tal in Rekordzeit . Vergebene Mühe : Wenn Daniel sein schönes Bern erreicht , wird das Nachtessen kalt sein und die Tischgesellschaft etwas enttäuscht . Mir bleiben dann noch einige Stunden Bahn und Bus , ehe ich wieder in das schöne weiche Bett schlüpfen kann , das ich kaum vierzig Stunden vorher verlassen habe . .... ..„pitz- Nordostwand auf Vorderspitze ( rechts ) und Gross Simelistock ( links ) Technische Angaben Vgl. MB 3/89 , S. 116 Nordostwand des Kingspitz : Route . AS-/ 550 m / Passagen 6b zwingend / 6c in Freikletterei . Sehr interessante Kletterei , besonders in der mittleren Zone , die ein gewisses Engagement verlangt und den Charakter einer grossen Kalkwand bietet . Stellenweise erfordert der Fels einige Vorsicht . Material : Friends und Klemmkeile / 45-m-Seile / Heim ratsam Zugang : Bern-Meiringen-Willigen-Rosen-laui , dann Aufstieg zur Engelhornhütte ( 1901 m ) in 1 Std. 30 Min. , von der Hütte 40 Min. bis an den Wandfuss des Kingspitz ( Gipfel 2621 m ) Eröffnung : von unten Belassenes Material : Haken , 58 Bohrhaken Abstieg : Abseilen von Stand 13 ( 45-m-Seile ; maillons rapides vorhanden ) oder vom Gipfel über die Westflanke Erstbegehung : Daniel Anker und Michel Piola , 9. und 10. September 1988 Aus dem französischsprachigen Teil . Inhalt 61 Peter Donatsch Korsika - ein Gebirge fällt ins Meer 69 Andreas und Claudine Mühle-bach-Métrailler Skitouren in Kalifornien 80 Daniel Santschi Am Huascaran in der Cordillera Blanca 88 Christian Weiss Bergtouren im Altai , Sowjetunion 96 Johann Jakob Burckhardt Eine Alpenreise von Rudolf Wolf im Jahre 1835 Herausgeber Redaktion Schweizer AlpenClub , Zentralkomitee ; Helvetiaplatz 4 , 3005 Bern , Telefon 031/433611 , Telefax 031/446063 . Publikationenchef CC Gotthard 1989-1991 Dr. Hansjörg Abt , Telefon 01/2581261 , Telefax 01/251 4424 . Etienne Gross , Thorackerstr. 3 , 3074 Muri , Telefon 031/525787 , Telefax 031/521570 ( verantwortlich für den deutschsprachigen Teil ) . François Bonnet , Eplatures-Jaune 99 , 2304 La ChauxdeFonds , Telefon 039/26 7364 ( verantwortlich für den französischen , italienischen und rätoromanischen Teil ) . Graphische Gestaltung Gottschalk+Ash Int'l Layout Thomas Petraschke G + A Markus Lehmann , Stämpfli + Cie AG Anzeigenverwaltung Künzler-Bachmann AG , Geltenwilenstrasse 8a , Postfach 926 , 9001 St.Gallen , Telefon 071/235555 , Telefax 071/236745 . Anzeigenleiter : Albert Signer . Druck und Expedition Stämpfli + Cie AG , Postfach , 3001 Bern , Telefax 031/240435 , Postscheck 30-169-8 . Erscheinungsweise Monatsbulletin in der zweiten Monatshälfte , Quartalsheft in der zweiten Hälfte des letzten Quartalsmonats . Blick vom Hochland auf die Gipfel der Cordillera Blanca ( Peru ) Photo : Daniel Santschi , Solothurn 102 Michel Ziegenhagen Ein Berg der Überraschungen 114 Michel Marthaler Die penninischen Decken in den Walliser Alpen Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement nicht möglich ) : Schweiz , jährlich Fr. 42.- , Ausland , jährlich Fr. 58.- . Quartalsheft einzeln für SAC-Mitglieder Fr. 7.- , für Nichtmitglieder Fr. 10.- ; Monatsbulletin Fr. 2.- . Allgemeine Angaben Adressänderungen : auf PTT-Formular 257.04 . Inhalt : Diese muss nicht unbedingt mit derjenigen des SAC übereinstimmen . Nachdruck : Alle Rechte vorbehalten . Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung der Redaktion gestattet . Zugeschickte Beiträge : Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen , doch wird jede Haftung abgelehnt . Die Redaktion entscheidet über die Annahme , die Ablehnung , den Zeitpunkt und die Art und Weise der Veröffentlichung . Beglaubigte Auflage : 71 176 Exemplare . lin Berg der Überraschungen Michel Ziegenhagen , Lausanne Erster Angriff Das Nadelhorn stand für meinen Kollegen und Freund André Berney und mich auf der Liste jener Gipfel , die wir uns für eine Besteigung mit Ski vorgenommen hatten , denn es schien uns unangebracht , einen Gipfel im Sommer in Angriff zu nehmen , wenn das auch im Frühjahr möglich wäre . Wir hatten uns diesem Sport fast gleichzeitig und spät , lange nach dem dreissigsten Lebensjahr , zugewandt , um die schlimmen psychosomati-schen Folgen einer allzu sesshaften Lebensweise erfolgreich zu bekämpfen . Unsere Erfahrung war sehr gering , unsere Ausrüstung rudimentär , unsere Begeisterung dagegen ansteckend und unsere Entschlossenheit ohne Fehl . Wir wussten kaum , dass es einen Alpenclub gab , und konnten uns nicht vorstellen , wozu er gut sein könnte . Hatten wir nicht im vergangenen Sommer das Finsteraarhorn bestiegen , und würden wir nicht in einigen Monaten zum Montblanc und zum Matterhorn zurückkehren ? Andere dagegen zwingen durch immer neue Hindernisse zu vielfachen Versuchen , so dass man sich am Ende von ihnen verabscheut fühlt ; es scheint , als hause ein böser Geist im Berg . Es gibt noch eine dritte Art , deren Vertreter sich zunächst in einem freundlichen Licht zeigen , dann aber einen üblen Trick bereithalten , eine Art coup de Jarnac , einen heimtückischen Streich , der die Fähigkeiten des Kletterers auf eine harte Probe stellt . Ein solcher Gipfel war für mich das Nadelhorn . Doch wenn ich das Gebirge schon personifiziert habe , wie es jeder , der sich oft an ihm misst , unweigerlich tut , will ich doch schleunigst erklären , dass die wichtigste Ursache der schlimmen Ereignisse , die berichtet werden , im menschlichen Verhalten zu suchen ist . Die folgenden Zeilen werden das deutlich zeigen . Es liess uns allerdings rasch wissen , dass es unseren Plänen nicht zustimmte . Kurz vor der Tour musste ich aus einem zwingenden Grund , der mir nicht im Gedächtnis geblieben ist , absagen . Es hätte aber mehr gebraucht , um André zu entmutigen , der mit seiner unermüdlichen Unternehmungslust in einem andern Kollegen einen Gefährten fand . Die beiden begaben sich zur Bordierhütte . Am nächsten Tag ereignete sich während der Tour ein äusserst seltener doppelter Zwischenfall . Beim Aufstieg versank der Kollege , der auf dem Riedgletscher voranging , plötzlich , mit den Ski an den Fussen , zur Hälfte in einer Spalte . Es gelang ihm , sich zu befreien . Etwas höher , in der Nähe des Windjochs , musste die Tour dann wegen überreichlicher Neuschneemengen ein Ende finden . Bei der Abfahrt sind die beiden mutigen Gesellen offenbar ihrer eigenen Spur auf etwa zehn Zentimeter genau gefolgt , denn André stürzte in dasselbe Loch und hing dort an seinen quer in der Spalte verklemmten Ski ! Für einige Zeit war das Nadelhorn , das seine Besucher so unliebenswürdig empfangen hatte , kein Thema mehr . Tatsächlich war zwischen uns beiden nie mehr die Rede davon . Drei Jahre später , am ZinalRothorn , fand André sozusagen vor meinen Augen bei einem unglücklichen Pendelsturz von rund zehn Metern , in einer Passage ohne Schwierigkeit , den Tod . Wenn ich mir diese abschätzige Bewertung der Passage erlaube , dann , weil ich mehrfach aus geringerer Höhe gestürzt bin ( von einem dieser Stürze wird später noch die Rede sein ) - ohne einen Pendel ( in diesem Fall freiwillig ) in gleicher Grössenordnung zu erwähnen - , das Ganze mit unbedeutenden Schrammen . Glück ? Wenn ich aber glaube , was Livanos über den grossen Riccardo Cassin gesagt hat , so genügt es nicht , auf das Glück zu warten , man muss es auch mit der nötigen Entschiedenheit herbeirufen . Das Wesentliche wäre also , das Unglück zu vermeiden ? Aber welchen Sinn haben solche Worte , wenn ein Freund den Tod findet ? Nicht einmal den einer Art Leichenrede . Erinnern sich diejenigen , die uns damals geholfen haben , noch an den 12. August 1973 ? Äusserst tüchtige Retter von der Air-Zermatt , Bergführer und Alpinisten , deren Namen ich nicht kenne ( mit Ausnahme von Alain Junod und Denis Berger , Sektion Diablerets , die den Alarm auslösten ) , denn ich habe in dem Durcheinander des Geschehens nicht daran gedacht , sie danach zu fragen . Ein schändlicher Streich Die Genfer haben ihre eigenen Gewohnheiten , das sei ohne die geringste Anspielung auf den etwas abgenutzten Witz gesagt , mit dem die Miteidgenossen die Redeleistung und das ewig mäklige Temperament der Leute vom Ende des Genfersees mit dem Umfang ihrer Stimmorgane in Verbindung bringen . Unter andern Besonderheiten feiern die Genfer le Jeûne - den Bettag - zehn Tage vor den andern Schweizern ( beachten aber deswegen Mässigkeit und Sittenstrenge auch nicht mehr ) , also an einem Donnerstag . Das gibt ihnen jedesmal Anfang September Gelegenheit , die ( Brücke zu schlagen ) und sich an vier aufeinanderfolgenden Tagen ihrer Freizeitbeschäftigung zu widmen . ebenso halten es andere Genfer Clubs . Auf diese Weise brachte mich der Genfer Bettag des Jahres 1971 unter tragikomischen Umständen zum Nadelhorn . Das ( Basislager ) befand sich in einem sympathischen familiären Hotel , das von einem jener Supersaxo geführt wurde , die als Bergführer oder als meisterhafte Skifahrer den Ruhm dieses Namens begründet haben . Am Freitag stiegen acht der Muntersten zur Mischabelhütte auf , was andere Alpinisten und sogar einige Führer veranlasste , ebenfalls aufzusteigen . Vielleicht durch den zu dieser Jahreszeit ungewöhnlichen Besucherstrom überrascht , machte sich auch der Hüttenwart auf , marschierte in gutem Tempo und überholte uns mühelos . Wir rechneten darum damit , das notwendige Bier für unsern wachsenden Durst zu erhalten . Wie gross war unser Kummer , als wir feststellen mussten , dass uns das kostbare Nass , das an den andern Tischen in Strömen floss , ohne Erklärung oder sichtbaren Grund verweigert wurde . Beim Nachtessen spielte sich dasselbe mit dem Wein ab , der Hüttenwart behauptete sogar zu Unrecht , wir hätten unsere Bestellung nicht früh genug aufgegeben ! Wir erhielten nur gerade das uns reglementarisch zustehende Wasser . Am nächsten Tag waren wir fünf , die auf das Nadelhorn wollten . Eine Zweierseilschaft kam schnell voran und erreichte die Hütte , ohne weiter zu warten . Ich führte die folgende , unterstützt von Paul Delisle , dem getreuen Gefährten unzählbarer Unternehmungen im Gebirge . Zwischen uns hatten wir ein neues Mitglied . Der Aufstieg verlief ereignislos , doch der Gipfel schien uns nicht bequem genug , wir verlegten darum den Picknickplatz zum Windjoch , das sich als sehr freundlich erwies , weil es seinen Namen an diesem Tag nicht verdiente . Wir sind also unter den Gipfelfelsen , steigen mit kleinen Schritten über Blankeisplatten ab . Beim Aufstieg waren uns diese Passagen einfach erschienen , doch wenn man sich dann dort mit dem Blick ins Leere wiederfindet , werden die Folgen eines möglichen Sturzes plötzlich sehr viel deutlicher . Veranlassen sie unsern Neuling zu einigen Überlegungen ? Er richtet unvermutet eine Frage an mich : ( Wenn ich falle , hältst du mich dann?> - . Was können wir von diesem übellaunigen Hüttenwart zur Stillung unseres Durstes anderes erbitten als Wasser ? bewusst ) , ich habe also alle Musse zu sehen , wie das Loch , durch das ich gefallen bin - es ist im Augenblick das einzig Helle - , sich in grösster Geschwindigkeit entfernt und bereits vier oder fünf Meter über mir ist . Wir waren mit straffem Seil gegangen . Wenn ich so tief fallen konnte , dann , weil ich aus einem unverständlichen Grund Jean-Luc nachgezogen hatte . Diese Folgerung hätte mich vor Entsetzen zu Eis erstarren lassen sollen . Aber nein , sie lässt mich vollkommen gleichgültig , wie irgendetwas Belangloses . Einen Kameraden versinken zu sehen , hätte mir mein ganzes Innere zusammengezogen . Aber nichts dergleichen : Ich habe das Gefühl , meinen eigenen Sturz mitzuerleben , ohne wirklich beteiligt zu sein , die verschiedensten Eindrücke wahrzunehmen , die zu schnell aufeinanderfolgen , als dass ich sie zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden könnte . Eine Art Persönlichkeitsspaltung , ein unbekümmertes Gefühl , in der Luft zu treiben , keine Geste der Gegenwehr . Fatalismus , die Würfel sind gefallen , ich habe einen Fehler gemacht , also muss ich dafür büssen . Doch das wäre eine zu weitgehende Interpretation . Ich war ganz einfach eine Sekunde lang wie erstarrt , und jetzt ist es zu spät , um noch irgend etwas zu versuchen . Als ich mich später an diesen Sturz erinnerte , kam mir der Gedanke , die Vorstellung der Trennung von Körper und Seele im Augenblick des Todes könnte in solchen Augenblicken entstanden sein . Ein letzter Stoss , heftiger als die vorhergehenden , setzt dem Fall ein Ende . Ein schmales , aus der talseitigen Wand vorspringendes Eisbankett beendet den Sturz ; wenn mich der zweite Stoss nicht schräg unter den Überhang geworfen hätte , fiele ich jetzt glatt daran vorbei . Der Rucksack fängt einen Teil des Schlages ab , ein praktisch abgerissener Tragriemen wird das später zeigen . Ohne den Sack wäre ich nach meinem Sturz auf den Rücken vielleicht nicht mehr aufgestanden . Das am Ende des Falls zunehmend stärker gespannte Seil hatte ebenso dazu beigetragen , den Aufprall zu dämpfen . Ich brauche einige Augenblicke , um wieder zu Atem zu kommen und meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen . Alles ist grau und unscharf . Mechanisch fahre ich mit einer Hand über meine Nase . Meine Brille ? Sie ist sieben oder acht Meter tiefer ( so viel bin auch ich gestürzt ) auf dem Grund des Bergschrundes verschwunden , in einem finstern und unergründlichen , zwischen Eis und Fels gähnenden Trichter . Mir ist als einziges Andenken an sie ein Kratzer auf der Nase geblieben . Auf das Bankett gestützt , muss ich die Ersatzbrille aus der Rucksacktasche holen . Endlich sehe ich klar , aber die Umgebung ist unheimlich : grünliche , bestürzende Eiswülste , Bahnen von Faulschnee , bergwärts schwärzlicher Fels . Hinaus , und schnell ! Wo ist mein Pickel geblieben ? Er ist anderthalb Meter unter mir in einem Loch hängengeblieben . Ich recke die Arme , strecke die Hände aus , nichts nützt , mir fehlen mehrere Dezimeter . Umfeld , so zum Beispiel zufällig anwesende Personen , derart motivierend wirkt , dass ein Kletterer sich plötzlich mit anscheinend grösster Sicherheit am Fels bewegen kann . A äussere Faktoren zustande gekommenen Leistungen mit enormem Kraftaufwand verbunden sind . Um so wertvoller und erlebnisintensiver werden deshalb jene Momente empfunden , in denen man sich den Anforderungen gewachsen fühlt , selbst wenn die Ziele sehr hoch gesteckt sind . Die persönliche Situation , die ( Atmosphäre ) , der Tag , die Person des Sichernden all das und vielleicht noch mehr müssen ideal zusammenpassen , um ein durchgehend positives Umfeld zu schaffen . Routenziele Bei der Fusion handelt es sich um eine Kombination aus einer bestehenden Route im 9. Schwierigkeitsgrad und einer davon abzweigenden Traverse über ein ausladendes Dach . Der Ort , wo die ( Fusion ) stattfinden soll , ist gleichzeitig auch die Schlüsselstelle der gesamten Tour . Nach einer steilen , mit messerscharfen kleinen Griffen bestückten Passage und einem eindrücklich ausladenden Dach folgt die Stelle , an der sich alles entscheidet . Das Vor und Nachher ist verhältnismässig leicht in den Griff zu bekommen , nicht aber die Loslösung von der ursprünglichen Linie , die gerade aufwärts weiterführen würde . Ich habe mir die Route zusammen mit Heinz Gut ein erstes Mal an einem wunderschönen Herbstnachmittag im November angeschaut . Neben einem kurzen mit der etwas speziellen Linienführung und den originellen Bewegungsabläufen vor und nach der Schlüsselpassage reicht es gerade noch für je einen Vorstiegsversuch . An der Schlüsselstelle sind wir aber bereits völlig ausgepumpt , chancenlos , den ( Absprung ) von der geraden Linie überhaupt zu wagen . Voller Ehrfurcht beginnen wir auf der Heimfahrt von der neuesten zu sprechen . Eine Woche später droht sich die Zeit des stabilen schönen Herbstwetters ihrem Ende zu nähern . Und damit scheint auch der Traum von der Fusion für dieses Jahr ausgeträumt zu sein . Heinz weilt in Südfrankreich , er hat dort Ziele , die ihm eher machbar erscheinen . Und Gabriele will nach Italien . Sie mag den Nebel hier nicht und befürchtet , um diese Jahreszeit an den voralpinen Felsen ohnehin nur zu frieren . Am heutigen warmen und windstillen Tag sollte dies jedoch nicht der Fall sein , weshalb ich mich entschliesse , nochmals die Fusion zu versuchen und dann abends loszufahren . So können wir den vielleicht letzten sonnigen Herbsttag nützen , und Gabriele hätte die Möglichkeit , sich etwas von ihrer weiten nächtlichen Anfahrt aus Deutschland zu erholen . Die eigenen Ziele zu nennen ist oft gar nicht so leicht . Geklettert wird nach wie vor zu zweit , und meist haben beide Partner ihre Routenziele und Vorstellungen , die auf einen zufriedenstellenden Nenner gebracht werden müssen . Deshalb scheint es mir manchmal recht schwierig , die eigenen Interessen vor mir selbst und dem Partner einzugestehen und gegebenenfalls sogar durchzusetzen , befürchte ich dabei doch , im Falle eines Misserfolges seine Hilfe zu Unrecht beansprucht zu haben . Andererseits sollten wir trotz derartiger Bedenken vielleicht vermehrt daran glauben , dass solche Unterstützung gerne geleistet wird und von Herzen kommt , wenn der Partner spürt , dass der richtige Moment da ist , um dem andern zu helfen , sein Ziel zu erreichen . Üschenen präsentiert sich von seiner allerschönsten Seite . Die Luft ist frisch , und am Fusse der Felsen kann man sich noch in die warme Sonne legen . Die Berge sind schon weit hinunter eingeschneit , und bis auf einen einzelnen Kletterer , der am Einrichten einer neuen Route ist , sind wir hier oben allein . Ein 7. Grad zum Einklettern und einige kurze Testzüge in den schwierigen Passagen der Route mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Schlüsselzug dienen der Einstimmung . Das linke Handgelenk schmerzt bei der extrem aufgestellten Fingerhaltung an dem runden Griff . Die kleine , unscheinbare Warze bohrt sich in die Fingerkuppe des rechten Zeigefingers . Hier muss ich mich mit aller Kraft festhalten , nur dann ist der weite dynamische Zug an den Fingerschlitz möglich . Dieser erste Vorstiegsversuch gelingt gar nicht schlecht . Beim Einhängen der blauen fixen Schlinge bin ich aber instabil und brauche deshalb viel Kraft . Zudem liegt die Hand unter dem Seil . Das kostet zu viel Zeit , um sie für das schwierige Nachgreifen freizubekommen . Ein zweiter Anlauf erfolgt nur wenig später , solange der richtige Teil der Bewegungsabläufe noch im Gefühl ist . Gabriele hat mich für das schwierige Einhängemanöver beruhigt und mir Mut gemacht . Ihre Anweisungen helfen mir in diesem Moment sehr viel , und es geht auch gleich deutlich besser . Nur um wenige Millimeter verfehle ich den Griff . Pause . Wir wandern ein wenig umher und schauen uns den neuen kleinen Klettergarten an . Dann auch das Bschüttigütti . Immer wieder fasziniert mich diese Linie durch die steil aufschiessende Platte mit ihren nur winzigen Einkerbungen . Ich fühle mich gut . Ausgewogen und ruhig . Vielleicht deshalb , weil es mir in diesem Moment hier oben , inmitten einer wunderschönen Landschaft , an nichts fehlt . Die Pause ist um , und ich muss wieder etwas tun : Wiederum bekunde ich Mühe , die Bewegung im entscheidenden Moment genau zu erfühlen und zu kontrollieren . Vor dem dynamischen Zug nehme ich noch zu viel Schwung , was bei der Kleinheit der Griffe ohnehin ein Unsinn ist . Selber fällt mir der kleine Fehler aber kaum auf . Ich spüre nur , dass etwas noch nicht ganz stimmt . Gabriele gesteht mir noch einen Versuch zu , nur noch diesen einen . Beim Losklettern frage ich mich kurz , ob sie wohl ungeduldig ist oder ob andere Überlegungen dahinterstecken . Bestimmt würde sie mich noch einen weiteren Anlauf machen lassen , selbst wenn ich genau weiss , dass Konzentration und Kraft dazu nicht mehr ausreichen , dass die Haut an der Fingerspitze bald durchreisst und bei aller Feilscherei um einen fünften Versuch dieser mit Sicherheit danebengehen würde . Im Dach ist kein Platz für derartige Überlegungen . Die weiten Züge erfordern volle Aufmerksamkeit . Dann der Überkreuzer an den winzigen Griff , der nötige Druck auf den Fussen , der Zwischengriff , und - mit etwas Glück - erwische ich den Schlitz mit einem Teil der Fingerspitzen . Ein kurzes Nachfassen und ich habe ihn richtig in der Hand . Die Traverse hat begonnen und muss jetzt noch konzentriert zu Ende geführt werden - bis an das vordere Dachende . Einhängen des letzten Hakens und ein entschlossener weiter Zug an den Ausstiegsgriff . Die letzten Sonnenstrahlen und die freundliche Sicherungshilfe von Ernst Müller - er ist alleine hier oben unterwegs - erlauben uns sogar noch , den Quergang ein zweites Mal zu klettern , dabei einige Bilder zu machen und den schönen Moment noch etwas auszukosten . In bester Laune packen wir unsere Sachen zusammen und verabschieden uns von diesem einzigartigen Ort . Die Sonne ist hinter dem Lohner verschwunden , und es wird schnell kalt . Die Bewegung auf dem Abstieg wärmt uns aber bald wieder auf . ■rlebnis Selbsanft-Nordgrat Albert Schmidt , Engi ( GL ) Der über der Linth-schlucht thronende Selbsanft ( vom Tierfed aus ) Über die Nordostflanke zum Luegboden Vom ersten Mast der KLL-Seilbahn ( Kraftwerke Linth-Limmeren ) steigen wir über den BaumgartenAlpweg hinab zum Schwamm , bis eine Wegspur den Hang und eine Waldlichtung quert , wo viele Jahre ein Einsiedlerpärchen gehaust hat . Von seinen Besitzern aufgegeben , vergandet nun auch ihr Wild-kräutergärtchen . Hier öffnet Eine verlockende Tour Im vorangehenden Beitrag über das alte Gipfelbuch war viel die Rede vom Nordgrat , ohne dass sich der Leser bei den meist wortkargen Eintragungen seiner Begeher ein Bild über ihn machen konnte . Deshalb soll hier noch das Erlebnis einer Besteigung über diesen geheimnisvollen Grat geschildert werden . Prächtiges warmes Spätsommerwetter , keine Gewitter mehr und deshalb eine trockene Route - einmal mehr lockt uns der Berg in seine gewaltigen Nordabstürze . Für das Wochenende vom 28./29 . September 1985 habe ich mich mit meinen Seilkameraden Johann Stoffel und Harry Zweifel verabredet . Besonders Harry , der im Tierfed unter den Selbsanftwänden aufgewachsen ist , freut sich , endlich einmal auf die hohe Spitze zu kommen , auf der schon sein Vater zur Zeit des Kraftwerkbaus gestanden hat . Blick vom Vorder Selbsanft ( Hauser-horn)auf den Tödi sich plötzlich der Blick ins Limmerentobel , aus dessen uneinsehbarer Tiefe sich die gewaltigen Kalkwände des Muttsee und Selbsanftmassivs aufbäumen . Der Eindruck , den diese wild-bedrohliche Gebirgswelt auf den Menschen macht , ist wahrhaft erschütternd , und Caspar Hausers eingangs zitierte Schilderung ( vgl. S. 31 ) hätte hier noch vermehrt Gültigkeit . Manch einer , der mit den Bergen nicht so vertraut ist , würde sich an dieser Stelle wohl keinen Schritt mehr weiter wagen . Auf der Wegspur queren wir in die Felsenschlucht . Damit dringen wir in ein Verlies des Gebirges ein . Innert Kürze rücken die uns vorher noch in geräumigem Halbrund umgebenden Wandfluchten bis auf wenige Meter Distanz zusammen . Wir betreten eine andere Welt , fern der unsrigen . Das geht auch aus der Empfehlung in den alten Clubführern hervor , diese Tour nur während der trockenen Herbstzeit zu wagen . Bei einer Wasserfassung der KLL beginnt oben in der rechten Felswand der ( Birchen-gang> , ein schmales , abschüssiges Schrofen 41 und Felsband , das steil zur untersten Schulter der Nordflanke hinaufzieht . In kurzer Zeit wächst unter uns die schwindelnde Tiefe des Limmerentobels . Wir gehen hier unangeseilt , darum verlangt jeder Schritt Konzentration und Selbstsicherheit . Von diesem ersten exponierten Absatz , dem Birchli , geht es nun durch Alpenerlen und über eine Felsstufe direkt den Berg hinan . In der bergseitigen Hand den Pickel , in der andern einen Skistock als Stütze , so erklimmt man am sichersten die mit anstehenden Felsen , aber auch mit lockerem Gestein durchsetzten Grasflanken . Vom zweiten Absatz , dem Luegboden , queren wir über Schrofen und Geröll steil in die Limmeren-flanke hinein , um bald einmal auf dem kräuterbewachsenen Band vor dem Biwakplatz zu stehen . statt Höhle wäre allerdings die treffendere Bezeichnung für die beiden Einbuchtungen am Fusse der sich senkrecht auftürmenden Felswand . Im Biwak Noch liegt goldenes Licht auf den Muttsee-gipfeln ; Rasch fällt die Dämmerung ein und hüllt die Limmerenschlucht in dunkle Schatten . Wir suchen ein günstiges Plätzchen in der Balm , rollen unsere Biwakmatte und den Schlafsack aus . Dann setzen wir die Kocher in Betrieb , um unser Abendessen zuzubereiten . Unter fröhlichem ( Tischgespräch ) vergeht die Essenszeit . Meinen Kameraden erzähle ich , wie wir hier vor drei Jahren unsere Becher unter dem Überhang hervor in den prasselnden und mit Steinschlag durchsetzten Gewitterregen halten mussten , weil wir vergessen hatten , vom Limmerenbach Wasser mitzunehmen ! Eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit beginnt sich oben hinter den Muttsee-wänden eine Helligkeit am dunkelblauen Nachthimmel auszudehnen , und um 20.30 Uhr steigt der Vollmond über dem Kamm des Kistenpasses auf . Er leuchtet direkt in unsere Höhle , und mit zunehmender Höhe fällt sein 42____________________________________ mildes Licht in die Tiefe der Limmeren-schlucht , breitet einen transparenten Schleier über die vorher harten , tiefschwarzen Flächen und Konturen der Bergwände . Wir zünden eine Kerze an , die ihr warmes Licht auf unser felsiges Biwakdach wirft , dann krieche ich in die engste Spalte des Berges hinein , um auf dem Bauche liegend die einmalige Szenerie mit der Kamera einzufangen . Wahrscheinlich kommen wir wieder einmal hierher , aber eine solche Nacht werden wir wohl nie mehr erleben können . Allmählich nähert sich der Mond der hohen Horizontlinie des Selbsanft , berührt sie und verschwindet . In unserer Balm wird es dunkel , und wir schlüpfen in die Schlafsäcke . Die Stille der Nacht , nur unterlegt durch das leise Rauschen der verbleibenden Limmerenwas-ser , wiegt uns bald in den Schlaf . Hier in der Falte des riesigen Berges fühlen wir uns ebenso geborgen wie zu Hause . Um fünf Uhr piepst eine Uhr unerbittlich Tagwache . Als erfahrene Biwakfüchse beherrschen wir allerdings die Technik , im Schlafsack liegend heisses Wasser zuzubereiten und so das Morgenessen - einen Becher Bircher-müesli und Kaffee-einzunehmen . Im schmalen Ausschnitt , der zwischen Höhlendach und dem Muttseehorizont sichtbar ist , verblassen schnell die Sterne . Um sechs Uhr verlassen wir im ersten Dämmerlicht unser romantisches Nachtlager . Am Nordgrat Wirtraversieren zum Luegboden und steigen über die abschüssigen Gras und Schro-fenflanken dem ersten grossen Aufschwung des Nordgrates entgegen . Auf den Bändern der Sandalpflanke entdecken wir einige Gemsen bei der Morgenäsung . Hier oben hätten sie auch während der Jagdzeit wohl kaum etwas zu befürchten . In einer gestuften Rinne geht es in leichter Kletterei hinauf zu einer schmalen Scharte im Nordgrat , wo uns die ersten Strahlen des aufsteigenden Tagesgestirns treffen - hundertfach erlebt und doch immer ein wundervoller Augenblick . Wir seilen uns an und klettern direkt über die Gratkante weiter . Auf den Leisten und Bändern liegt wohl viel Schutt , aber die steilen Vollmondnacht im Biwak Luegboden Aufschwünge bestehen aus recht gutem Jura-Malmkalk . Eine Zone aus stark verwittertem , braunem Gestein erheischt anschliessend wieder vorsichtiges Klettern . Wir gewinnen rasch an Höhe und stehen bald unter dem markanten gelbbraunen Gratturm , dem die früheren Begeher des Grates den phantasievollen Namen ( Goldenes Horn> gegeben haben . Anstelle von Goldadern sind es aber die letzten Rasenpolster , die den festen Fels in der Ostflanke des Turmes durchziehen . Der ebene Platz oben auf der Bergzinne lädt geradezu zu einer Rast ein . Die Firnflächen der Claridengruppe und die Gletscher des Tödi leuchten blendend weiss in der Morgensonne , während im schon weit unten liegenden Tal immer noch dunkle Schatten lagern . Nach dem breiten Schuttband hinter dem ( Goldenen Horn> zieht sich senkrecht und überhängend ein Felsband um den ganzen Bergstock . Die günstigste Route führt Auf dem Höhenrücken des Mittler Selbsanft ( Plattas Alvas ) ; im Hintergrund der Bifertenstock zu einer Ecke empor , von der aus über einen Quergang unter einem Dach eine verwitterte Flanke zu gewinnen ist . Heute folgen wir der Route , um oben am Fusse eines wilden Grataufschwungs wieder die Kante zu erreichen . Die hier ansetzende senkrechte Bastion wird auf ihrer Ostseite von einer kaminartigen Verschneidung durchzogen . Als alte Schlaumeier wissen wir , wie man eine solche Stelle anpackt : Johnny , athletischer Sportkletterer aus dem berühmten ( Dorf mit drei Buchstaben ) der Kreuzworträtsel , wird mit Lobesworten über seine Kletterkunst losgeschickt ! Er wird die Seillänge doch ( mit singä und pfiiffä ) packen ! Schadenfreudig grinsen wir uns an , als er sich wenig später im abdrängenden Kamin , in das die Sonne hineinbrennt , hocharbeitet , schwitzt , dann mit dem Rucksack hängenbleibt , um schliesslich angesichts des festen , glattgescheuerten Felsens nicht ganz gerechtfertigt - über den ( Glarner Alpenbruch ) zu lamentieren . Bald einmal sind wir an der Reihe , uns mit dieser tückischen Stelle auseinanderzusetzen . Ein Anstieg über brüchiges Gelände führt uns zum obersten , dunklen Turm , der aus rau hem Nummuliten-Sandstein besteht . Voll Freude klettern wir die halbe Seillänge über die Kante hinauf zur Spitze des Hauserhorns . Gipfelrast Es ist erst zehn Uhr an diesem herrlichen Spätsommertag , und wir können uns eine ausgedehnte Gipfelrast leisten . Neben dem Klotz des Mittler Selbsanft thront im Süden der Tödi in seiner ganzen Wucht über den Matten und Felsen des Bifertenalpli und der Röti . Auf der Ostseite des Selbsanftmassivs liegt-weit unter uns - der Limmerensee mit seinem hellen graugrünen Wasser , gesäumt von den schattigen , zerklüfteten Bändern und Stufen des Kistenpasses . Drüben aus der schuttgrauen Mulde zwischen Nüschenstock und Ruchi schaut das blaue Auge des Muttsees hervor , und rechts davon können wir noch die gleichnamige Hütte entdecken . Talwärts gewandt , fasziniert uns der überwältigende Tiefblick fast 2000 Meter hinunter ins Tierfed , in die Abgründe der Sandalp , des Limmerentobels und der Linthschlucht . Jetzt aber wendet sich unser Auge wieder dem Näherliegenden zu den Seiten des alten Gipfelbüchleins , das wir der blitzbeschädigten Büchse entnehmen . Wir blättern ein wenig darin und tragen unsere Besteigung ein , dankbar dafür , dass wir die Reihe begeisterter Alpinisten seit 1863 fortsetzen können . Die Gipfelstunde vergeht im Fluge , bis uns ein Blick auf die Uhr zum Aufbruch zwingt . Auf den Höhen des Selbsanftmassivs Wir klettern vom Gipfelturm hinunter und wandern über die öde Gratsenke zum Mittler Selbsanft , den wir nach derTraversierung eines Geröllhangs durch ein Firncouloir ersteigen . Oben auf dem Plateau öffnet sich ein weiter Horizont unter einem ebenso weitgespannten Himmel . Aus dem engsten Verlies des Berges hinaufzusteigen , 1700 Meter höher , in Stunden voller Anstrengung , in schwierigem Gelände , um dann hier auf fast 3000 Meter Höhe diese helle , sonnendurchflutete Hochgebirgswelt zu erfahren - dieses Erlebnis wird nur ein Bergsteiger nachvollziehen können . Über die weitgeschwungenen Höhenrücken von Plattas Alvas gelangen wir im Glanz der Firnfelder südwärts . Unübersehbar breitet sich die ganze Alpenwelt Graubündens im Osten und Süden aus , wird nur über dem Lim-merenfirn vom langgezogenen Eisrücken des Bifertenstocks verdeckt . Hier oben , auf dem gewölbten , rauhen Rücken des mächtigen Berges , wird die Verlassenheit und die Urtümlichkeit dieser Region beinahe körperlich spürbar . Die Scherben und Platten des schneefreien Gipfelkammes klirren leise unter unsern Sohlen . Zuweilen bilden sie merkwürdige Muster , deren Struktur erst aus höherer Warte erkennbar wäre . Ein langer Abstieg Nach der Mittagsrast in einer sonnenwarmen Firnmulde steigen wir zuerst über den Griessfirn , dann über zerrissene helle Platten , Moränen , Schutt und Geröll zum Ende des Limmerenfirns hinunter . Von dort geht es dem Gletscherbach entlang , bis er über eine überhängende Felswand in die Tiefe fällt . Unter uns im Talkessel erstreckt sich der schnee-wasserhelle Limmeren-Stausee . Von den zwölf alpinen Kilometern , die allein den Rückweg vom Hauserhorngipfel bis zum ( Chalchtrittli ) ausmachen , haben wir hier erst die Hälfte zurückgelegt . Die vor uns liegende Wegstrecke wird also noch einen anstrengenden zweistündigen Einsatz erfordern . Wir werden zunächst über die exponierte , drahtseilgesicherte Wand zum SeeEnde hinabsteigen müssen , um dann in der nachmittäglichen Hitze dem Pfad folgen zu können , der sich in ständigem Auf und Ab dem steil abfallenden Ufer des Limmerensees entlangzieht . Im Och-senstäfeli wird uns schliesslich der schwarze , nasskalte Kraftwerktunnel aufnehmen , der uns durch den Berg zur Seilbahn bringt . Hoffentlich schaffen wir es noch , die letzte , um halb fünf talwärts fahrende Gondel zu erreichen ! Die mit Seil , Pickel , Berg und Biwakausrüstung beladenen Rucksäcke werden dabei schwer am Rücken hängen , mit strapazierten Knien und Fussen , verschwitzt und durstig werden wir im Tal ankommen . Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Mühsal und Anstrengung : Der weite Weg durch die verlassenste Region der Glarner Alpen hat uns um ein Bergabenteuer mehr mit dem Selbsanft verbunden ; Vivant amici montium ! ■rinnerungen Piz Buin und Piz Platta Romedi Reinalter , S-chanf Piz Platta im Oberhalbstein Die Skitouren der SAC-Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta in den Rhätischen Alpen gehören schon lange der Vergangenheit an . Dies erinnert mich an mein den damaligen Teilnehmern gegebenes Versprechen , die persönlichen Eindrücke niederzuschreiben , ebenso aber auch an die Gründe , warum es dann doch nicht dazu gekommen ist . Einmal in den hektischen Alltagsbetrieb zurückgekehrt , musste bald diesem , bald jenem Priorität gegeben werden , so dass vieles , das auf den ersten Blick weniger von Belang erschien , auf die lange Bank geschoben wurde . Aber aufgeschoben ist nicht aufgeho- ben , denn ein solches Versprechen wirkt weiter , macht sich bemerkbar , bleibt als ständiger leiser Vorwurf bestehen . Soeben habe ich am Fusse der Crasta Mora , auf einem südexponierten Hang gepicknickt . Unten in der Talebene , wo sich noch eine dünne , aber harte Schneeschicht hat halten können , gleitet ein Langläufer den schneefreien Rändern des einstigen Bachverlaufs des Beverin ausweichend , leicht auf und absteigend dahin . Meine Augen folgen ihm , bis er in der Ferne verschwindet , und meine Gedanken schweifen zurück . Zurück zu den Skitouren der Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta . Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche , was damals vorgefallen ist , muss ich geste hen , dass mir viele kleine , lustige Einzelgeschichten und Anekdoten , die sich in der Gruppe abgespielt haben , nicht mehr vollständig präsent sind . Bei einzelnen Vorkommnissen haben sich die Konturen zum Teil verwischt , sie wirken verschwommen und leben erst dann wieder auf , wenn zu gegebener Zeit , in Anwesenheit der damaligen Teilnehmer , die Eindrücke rekonstruiert werden können . Davon ausgenommen sind natürlich jene Erleb- Nächste Doppelseite : Im Aufstieg über den Ostgrat von der Fuorcla Buin zum Piz Buin Grond nisse , denen eine starke subjektive Komponente anhaftet . Jede Tour setzt sich aus einer Aneinanderreihung von vielen einzelnen Details zusammen , die erst in ihrem gegenseitigen Verhältnis wieder einen Gesamteindruck vermitteln . Eigentlich nichts Aussergewöhnliches , etwas , das sich im täglichen Leben im Gemsen , eine auf Skitouren stets wieder anzutreffende Wildart mer wieder abspielt . Eine Tour kann aus grandiosen Eindrücken bestehen , aber es kann auch sein , dass Einzelheiten eine derart grosse Bedeutung erhalten , dass sie alles andere überstrahlen ; so zum Beispiel die Schmerzen , die eine Blase beim Laufen verursacht , der Tanz mit hohen Bergschuhen in einer kleinen , getäferten Wirtsstube im abgelegenen Maiensäss , die Wolkenbilder , die am Fuss des Piz Platta bei einem Wirbelsturm entstanden , oder die Laute der Schneehühner , die frühmorgens beim Wegmarsch von der Buinhütte zu vernehmen waren . Für mich wäre es nun sinnlos , die ganze Tour schriftlich nachzuvollziehen , vielleicht auch zu mühsam , die Erinnerungsbruchstücke aneinanderzureihen . Immer wieder frage ich mich - fragt sich wohl jeder - , weshalb man in aller Frühe aufsteht , bei klirrender Kälte schlotternd am Parkplatz bei der Post in St. Moritz Bad auf die Tourenkameraden wartet , einen langen , beschwerlichen Aufstieg auf sich nimmt und schwierige Passagen bei der Abfahrt meistert . Es ist nicht so , dass ■<©•■ . Die beiden Buin , Piz Buin Grond und Piz Buin Pitschen , im Silvrettagebiet ( Unterengadin ) Flechtengesellschaft im Sonnenlicht ich den Schwierigkeiten entgehen möchte , im Gegenteil . Die dabei gewonnene Distanz bietet mir die Möglichkeit , das , was mich beschäftigt , von einer anderen Seite anzupacken oder nach neuen Wegen zu suchen . Es kam schon vor , dass es mich in meiner periodisch auftretenden Isoliertheit grosse innere Überwindung kostete , an einer Sektionstour teilzunehmen , von der ich dann aber frohen Mutes und in meiner inneren Welt bestärkt zurückkehrte . Dabei Messen sich öfters gute Lebensgefühle , die in schwierigen Zeiten um so seltener werden , wieder erwecken . Trotzdem bieten die Berge dem mit Schwierigkeiten behafteten Menschen keinen Ausweg aus einem unerfüllten Leben . Jeder von uns verfügt über einen Lebensraum , der ihm mehr oder weniger vertraut ist . Dies ist sein Alltag , in dem es gilt , sich durchzuschlagen . Man pflegt zu sagen , der Mensch sei ein ( Gewohnheitstier ) , doch stets wird die andere , neue Welt , die reisst mich die Stimme meines Kameraden aus den Gedanken . Ich schaue nach vorn . Die Wolken haben sich bis auf einen kleinen Rest verzogen und den Blick freigegeben auf ein makellos weisses , grazil in den Himmel strebendes Spitzchen , das uns zu unserem scheinbar so überflüssigen und sinnlosen Tun motiviert : das Rheinwaldhorn . In den späten Morgenstunden des folgenden Tages befinden wir uns bereits wieder auf dem Rückmarsch . Zwischen wirr aufeinandergetürmten Felstrümmern am Gletschertor su chen wir uns den Weg zum Talausgang , wo ein heller Sonnenfleck den Bachlauf silbern schimmern lässt . Hier aber regnet es noch wie aus Kübeln . Über Georges Wangen läuft ein helles Rinnsal - ist es Regenwasser oder der Schweiss der Anstrengung ? Wolken umhüllen das Rheinwaldhorn und wälzen sich schwerfällig über den Gletscher hinunter . Zyklopenhaftes Chaos am Fuss der Eiszunge , Blöcke , labil auf schmalen Eisgrätchen balancierend , jederzeit absturzbereit . Bergauf und bergab klettern wir über Steine und rutschen auf dem Gletschereis aus , das sich unter einer feinen Staubschicht versteckt hält . Längst schon sind wir völlig durchnässt . Losgetretene Steine kollern übers Eis und platschen spritzend ins milchigweisse Gletscherwasser . Die Zähne der Steigeisen knirschen und quietschen bei jedem Schritt auf dem groben Steingrus . Das Rheinwaldhorn scheint heute keine Lust auf uns zu haben . buchstäblich auf dem Weglein abwärts , um der Sonne entgegenzueilen , die im untersten Teil der Lampertschalp - welch ein Hohn - den ganzen Vormittag geschienen hat . Zweiter Akt Das Bild vom weissen Spitzchen , dem Gipfel des Rheinwaldhorns , hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben . Immer wieder taucht es auf , ruft mich mit unwiderstehlicher Macht , wird zum Zwang . Und ist der Mensch im Grunde nicht ein Wesen , das eher ein angenehmes Leben sucht ? Leise drängt sich dann etwa die Frage auf , ob man sich's am Samstagabend nicht besser im Lehnstuhl bei Bier und Thomas Gottschalk bequem machen sollte , als in einer kalten Berghütte unter einer mief igen Wolldecke nach Schlaf zu suchen . Die Sichel des halbvollen Mondes steht fahl und gelblich im Zenit und wirft ihr diffuses Licht dorthin , wo sie will . Die linke Talseite schimmert hell , während die Bergwand auf der rechten in undurchdringliches Dunkel getaucht ist . Ich arbeite mich stöhnend aus dem Schneeloch . Zwei , drei vorsichtige Schritte - dann verliere ich erneut das Gleichgewicht . Der Rucksack reisst mich beinahe von den Beinen und treibt mir dabei Tränen in die Augen . Ich schimpfe vor mich hin , manchmal laut , manchmal leise . Ich verwünsche den unerwartet tiefen Schnee , das schwache Mondlicht , den schweren Rucksack . Aber im Grund verwünsche ich mich selbst , ärgere mich , dass ich dem Zwang , heute Abend noch in die Läntahütte aufzusteigen , nachgegeben habe , obwohl wir den ganzen Tag in einem verrauchten Zimmer an irgendwelchen Sitzungen teilgenommen und Weisswein getrunken haben . Im Kopf hämmert es , füge ich gnädig lächelnd hinzu . Die Gesichtszüge von Susi und Ruedi entspannen sich . Hurtig klinkt Ruedi den Schraubkarabiner in die Lasche des Standhakens , dieweil seine Angetraute mit abgedrehter Hand das Partieseil in den blanken Metallkreis legt . , ein Block , der dem Spaziergänger die überhängende Seite zeigt , über seinen Buckel bis unter den Oberrand hinauf aber leicht zu besteigen ist . Mein lieber Bergfreund Franz hatte hier in seinen Bubenjahren jeweils Gottesdienst gehalten . Die Vision war zu erheiternd , zu erhebend auch , als dass ich sie meinen feinfühligen Seilgefährten hätte vorenthalten können . So hatte ich denn versucht , den blonden , ernsten Buben vor ihr geistiges Auge zu zaubern , wie er , die Kante des Blocks nur gerade mit Kopf und Brust überragend , inmitten eines Meeres silbern aufblitzender Blätter mit ausgebreiteten Armen sein in den Wald hineinsang , begleitet vom hellen Gezwitscher der Vögel und dem ernsten Gemurmel bärtiger Tannen . Am Fuss des malte ich noch das Kreuz hin : die aufgerichtete , seitlich eingeknickte Deichsel des Leiterwägeiis , das möglicherweise bereits mit dürren Asten beladen , vielleicht aber auch noch leer war . Denn zu jener Zeit , in den Kriegsjahren , so hat mir mein Freund schon oft versichert , sei es meist recht schwierig gewesen , im Wald Fallholz zu fin den , so dass er sich mit beträchtlichem Risiko sogar an Legföhren und Krüppeltannchen herangemacht habe , die , an Felssätze und Nossen geklammert , klagend ihre toten Arme von sich gestreckt hätten . Auf der Rampe Inzwischen sind meine Gefährten unbeschadet bei mir angekommen , und so kann ich die zweite Seillänge in Angriff nehmen . Es ist dies eine steile , eher griffarme Rampe . In jedem Bergbuch würden die Akteure in einer Kletterstelle von derart geringer Schwierigkeit wie Götter über die Szene stolzieren . Ich aber muss zu meiner Schande gestehen , dass mich in diesen fünf , sechs Metern schon öfters eine leichte Unruhe überfallen hat . Gibt es nicht Tage , an denen man als Bergsteiger von einem grenzenlosen Misstrauen erfüllt ist , an denen man keinem Griff mehr traut und dauernd den Boden unter den Fussen zu verlieren glaubt ? Heute geht es recht gut . Ich erreiche den Standplatz auf dem Genecand-Gesims . Mächtig wölbt sich die Wand über mir auf : Hier ist kein Durchkommen mehr für Genusskletterer ! Unser Heil liegt drüben , hinter einer abschüssigen , grasdurchsetzten Rippe , in einem System von Rinnen und Bändern . Das Genecand-Gesims Fragen Sie niemanden , wo dieses zu finden sei . Den Dingen einen Namen zu geben , ohne dass es jemand ahnt , ist nämlich meine heimliche Leidenschaft . Das Gesims habe ich so getauft , weil wir hier in meinen alpinen Lehrjahren jeweils die Schuhe gewechselt haben : die Kletterfinken mit den Hanfsohlen in den Rucksack , die Tricouni-Bergschuhe heraus . Und weil mich meine Erinnerungen an den unbequemen Schuhwechsel mit stillem Vergnügen zum Genfer Alpinisten Félix Genecand ( 1878-1957 ) hinzuführen pflegen . Genecand war nämlich der Erfinder des Tricouninagels ! Die Tricouninägel , zu gezackten Randbeschlägen aneinandergereiht , haben seinerzeit den Alltag in den Bergen auf den Kopf gestellt . Kaum ein Bergbauer , kaum ein Wildheuer , kaum ein Holzer , kaum ein Jäger , der nicht sein Schuhwerk damit ausrüstete . Und dann die Bergsteiger ! Ihnen schenkte der Tricouninägel neue Horizonte , ein erstarktes Selbstbewusstsein und viel Lebensfreude . Es war aber auch beglückend , an einem frühen Sonntagmorgen in schweren , tricounibeschla-genen Schuhen mit festem Schritt zwischen den Häuserreihen dem Berge zuzuwandern . Das Klirren und Geixen des griffigen Beschlags auf abgeschliffenem Kopfsteinpflaster war schönste Musik , auch wenn sich darob verwunderte Frühmessegänger um drehten , Katzen um die Hausecken huschten und Vorhänge in Bewegung gerieten ( wer weiss , aus welchem Garn damals die Träume der jungen Mädchen - und stellvertretend ihrer Mütter noch gewoben waren ! ) . Man fühlte sich bärenstark in diesem Schuhwerk . Nicht ganz zu Unrecht , denn die Tricouninägel waren wie kleine , hungrige Raubtiere : Im harten Firn , im Geröll , im rauhen Granit , überall bissen sie herzhaft zu . Am gefrässigsten aber zeigten sie sich auf schlüpfrigen Erdtritten und im steilen Gras . Hier waren sie in ihrer Gier kaum mehr zu bremsen , und deshalb war die Zeitepoche der Tricouninägel auch diejenige der grossen Grasrouten . gibt ! ) , sondern auch als Menschen . In der Jubiläumsausgabe der ALPEN ( 2/1963 ) zum 1OOjäh-rigen Bestehen des SAC wird über Genecand nämlich unter anderm berichtet , dass er als tüchtiger , unerschrockener Gänger mehr als zwanzigmal den Grépon - den Prüfstein der damaligen Elite - überschritten und dabei ungezählte Anfänger in die Mühen und Freuden des Kletterns eingeführt habe . Dies hat ihm damals den Übernamen ( Concierge du Grépon ) eingetragen . Sympathisch , dieser Genecand , so sympathisch wie Wisel , den ich am Einstieg heute einmal mehr einen Neuling an sein Seil knüpfen sehe und den ich wiederum nur insgeheim - nenne . Concierges gibt es übrigens viele in den Bergen . So kenne ich einen ( Concierge des Salbit-Süd> , einen des Chaiserstocks , einen des Lauchernstöcklis , einen des Wildspitzes und wäre deshalb keineswegs erstaunt , wenn sogar jeder Berg in der Schweiz seinen Concierge hätte . ( Seht ihr dort oben , links über der Schlucht , die Schlingen in der Wand ? Dort ist der Quergang der südlichen Westwand , die ich einmal mit Thedy gegangen bin . Ich stand an dieser ausgesetzten Stelle eine furchtbare Angst aus . Unbeeindruckt von meinem Gejammer liess sich Thedy oben , am Standplatz , nur mit einem belustigten Lachen vernehmen . Er glaubte an mich , mehr als ich selbst , und rief mir , über die Weite und Tiefe hinweg , dann doch noch einige Anweisungen zu . ,Du musst nur ... ' Ja , ja : Du musst nur ! Rasch gesagt , aber in diesen vertrackten Quergängen , mit und selbstverständlich auch nicht der Franzi aus dem Land des Kaiserschmarrens , sondern der Franz , dem in den kommenden Jahrzehnten Dutzende von Erstbegehungen gelingen sollten und der sich - zu seiner Ehrenrettung sei es verraten - später auch noch eine fleischliche Braut angelacht hat . Mit ihm hatte ich einige Jahre zuvor kiloweise technisches Material in der Bergwelt spazieren geführt , was uns am Ufer des Wägitalersees einmal sogar polizeilich bestätigt wurde . Zwei Hüter des Gesetzes mussten dort in uns , aufgrund des mitleiderregenden Zustandes unserer Hände , die klassischen Blumenräuber gerochen haben . Jedenfalls wurden wir von ihnen höflich aufgefordert , die Rucksäcke zu öffnen . Doch nachdem sie einige Zeit darin gewühlt , der eine in Franzens , der andere in meinem Sack , hatten sie unter ihren Dächli-mützen hervor einen vielsagenden Blick ausgetauscht und dann ganz offensichtlich enttäuscht , für jedermann deutlich hörbar , zu Protokoll gegeben : Das Eisen , unsere schweren Haken und Karabiner ( man wusste damals noch nichts von legiertem Bergsteigermaterial ) , pflegte Franz vorwiegend in die Ritzen unserer Felstürme Peter und Paul am Kleinen Mythen einzutreiben , während ich , getreu einer in Paris bei einem Bouquinisten am Ufer der Seine preisgünstig erstandenen Anleitung , die Seilstränge bediente . Kein Mensch , nicht einmal unsere alpinen Lehrmeister , hätten uns damals erklären können , wie das technische Klettern geht . So hing denn unser ganzes Kletterglück von der dünnen Broschüre aus der Grossstadt ab , deren Titel La technique de la varappe artificielle oder ähnlich lautete . Er hätte ebensogut ( Die Technik des Mehlsack-hissens> heissen können , denn die ( Methode ) verurteilte den Seilführer zu einer Haltung , die statisch nur geringfügig von derjenigen eben eines Mehlsackes abwich . Sie verlangte , dass der Vordermann abwechslungsweise den einen , dann den andern Strang des Doppelseils in die Hakenreihe einführte , und weil auf den primitiven Zeichnungen weder eine Stehschlinge noch eine Trittleiter zu entdecken war , musste es offensichtlich Aufgabe des Seilzweiten sein , den Kameraden hochzuhis-sen und das Seil so lange strammzuhalten , bis der nächste Haken geschlagen war . Von allen Nachteilen abgesehen , verschaffte mir diese ( Technik ) in kurzer Zeit ganz hübsche Oberarmmuskeln , während sich Franz , der um die Weichteile angeseilt war , zunehmend über Bauchschmerzen beklagen musste . Mythenmatt ( Hier muss es Pfefferminz geben ) , stellt Susi bei den Karrenfeldern am Rand der Mythenmatt fest . Beim Namen Seidelbast hätte ich aufgemerkt . Seidelbast ist für mich gleichbedeutend mit Bergfrühling , Wiedererwachen der alten Kletterleidenschaft , Aufbruch . Ich weiss die Staude mit den starkduftenden Blüten in geschützten , trockenen Felswinkeln , allüberall in den südgewandten Flanken der Mythen , an Stellen , welche die Sonne schon im April auszubrennen pflegt , wenn die Bergsteiger noch von Felsinsel zu Felsinsel hüpfen , um dem dahinfaulenden Schnee auszuweichen . Zu Seidelbast unterhalte ich eine fast mystische Beziehung , aber zu Pfefferminz ... ! Nun , dass es so weit von den Teestuben entfernt nach Pfefferminz duftet , scheint mir trotzdem recht erstaunlich , so bemerkenswert wie die Tatsache , dass in frühern Jahrzehnten Schafe an diesem Kraut gerochen haben . Die Mythenmatt-jene auffällige , schiefe Grasfläche unter dem rötlichen Gipfelkopf-wurde früher tatsächlich nicht nur von Gemsen beweidet . Darüber zu rätseln , auf welchem Weg die Schafe hier hinaufgelangten , ist erlaubt . Jedenfalls muss Schafhirt Kälin , wie seine eventuellen Vorgänger , gute Schuhe getragen haben , wahrscheinlich solche mitTricounibe-schlag . ( Eure Gummisohlen mögen ja recht und gut sein , aber wenn euch einmal auf der Mythenmatt ein Regenschauer überrascht , dann möchte ich euch sehen ... nasses Gras und Gummi , das wirkt doch wie Schmierseife . Dann werdet ihr wie eingesalbte Ölgötzen in die Tiefe fahren ! ) Der dies weissagte , hatte zwei listige , von Lachfalten eingerahmte Äuglein und einen Kopf , der oben in einen Spitzhut und unten in einen Spitzbart auslief . Es war Köbel , der Bildhauer und phantasiereiche Unterhalter , und er war nur einer von den vielen Skeptikern . Köbel sah sich später ins Unrecht versetzt , den Tricouninägeln ist er aber meines Wissens trotzdem sein ganzes Leben lang treu geblieben . Ist dies nicht ein Grund , sein Andenken noch besonders in Ehren zu halten ! Jeder Mensch trägt eine Galerie in sich , die er nach eigenem Wunsch mit Bildern bestük-ken kann . Alpinisten pflegen darin Bergbilder aufzuhängen , und da der Eintritt in diesen Raum an keinerlei Formalitäten gebunden ist , lassen sich diese aufbauenden Gemälde im Alltag bei jeder beliebigen Gelegenheit betrachten . Eine Örtlichkeit , wo sich solche Bilder sammeln lassen , ist das Rot Grätli am Gipfelkopf des Grossen Mythen . Die Bilder sind hier dreidimensional , gehen in die Höhe , in einen Himmel , an dem die rote Schweizerfahne flattert , in die Weite , zum Zürichseebecken , zum Alpstein , in die Urner und Unterwaldner Alpen , in die Tiefe , auf die dunkeln Wälder und blühenden Weiden des Alptals , auf den bunt gefleckten , mit Seen geschmückten Talkessel von Schwyz . Zuoberst schliesst sich der Kreis Das Rot Grätli trägt uns in schiefrigem Fels und auf weichen Rasenpolstern in Kürze auf die felsige , karge Gipfelfläche . Keinen Augenblick zu früh und keinen zu spät , denn eben beginnt vor der Kulisse des Mythenhauses die Weissweinflasche ihre Runden zu drehen . Auch uns drückt man , wie erwartet , ein funkelndes Glas in die Hand . Erhebend , später , der Augenblick , in dem der Präsident sein Manuskript hervorkramt und seinen Mund öffnet . Doch genau in dieser Sekunde werden Bild und Ton von einem dichten Nebelschwaden verschluckt . Ein , zwei Minuten nur - die Zeit für einige Schlückchen - , dann ist der Spuk vorbei , und ich sehe mich zu meinem grossen Erstaunen ( Wirklichkeit oder Halluzination ? ) von einer Runde netter Kerle in goldbetressten Uniformen umringt . Es sind all die Concierges , denen ich im Aufstieg nachgesonnen . Doch gibt es da , höchst verwunderlich , noch eine Gruppe schnauzbärtiger , würdiger Herren zu bestaunen , mit breitrandigen Hüten , geschlossenen Kragen , Gilets , Uhrenketten und hohen Haselstöcken , mit eigenem Mundschenk , malerisch zum Fototermin angeordnet . Es sind die Gründer des Vereins , die Männer , die mit ihrer Begeisterung und ihrem Geldbeutel den Berg für den Wanderer erschlossen haben , die Concierges des Mythenwegs , die ich bis heute nur aus der Jubiläumsschrift gekannt habe . Sie alle heben prostend ihr Glas , zwinkern und lachen mir freundlich zu . Ich hab's ja immer gesagt : Harmonie ist das A und 0 der ganzen Bergsteigerei ! Es muss nicht immer Bilderbuchwetter sein : Aufbruch vom Einstiegssattel der Wyss-Wändli-Route am Gr . Mythen .