jngspitz-Nordostwand direkt Michel Piola , Vernier Die ca. 600 m hohe Nordostwand des Kingspitz ( Engelhörner , BO ) 9. September 1988 , bei Tagesanbruch Dring ... dring ... Wie mühsam ist das Aufstehen noch vor dem Morgengrauen ( es ist 4.45 Uhr morgens ) , vor allem , wenn man im warmen Bett zu Hause liegt und nicht in einer Hütte oder einem Biwak ! Die Enge und Unbequemlichkeit eines solchen fördert naturgemäss einen ziemlich schnellen Wechsel in die Senkrechte . Und das gleiche gilt für den durch das bevorstehende Unternehmen ( Anmarschweg oder Klettertour ) ausgelösten Wunsch nach Bewegung . Ausserdem braucht man die Unannehmlichkeiten nicht allein zu ertragen ! Dagegen fehlt zu Hause , wenn die ganze Stadt noch schläft , erschöpft von der Arbeit des Tages oder einem stürmischen Samstagabend , ein solcher Anreiz vollkommen . Dring ... dring ... Diesmal muss ich reagieren ; los , auf ! Schnell ziehe ich mich an , esse eine Schale Getreideflocken mit gutem Zitronensaft , nehme den am Vorabend sorgfältig gepackten Sack auf meinen noch vom Schlaf steifen Rücken und öffne die Tür : Alles scheint in Ordnung , einige blasse Sterne schimmern durch den üblichen Smog der Stadt ; es wird heute schön werden . Da ich dieses Massiv in den Berner Alpen noch nicht kenne , kann ich mir nur ausmalen , was es wohl mit dieser fast 600 Meter hohen Kalkwand auf sich hat , die in einer Region liegt , in der es nur wenig Wände von dieser Art und Ausdehnung gibt ( natürlich abgesehen von der 1650 Meter hohen Eigernordwand ) . Und wie wird die Qualität des Gesteins sein ? Die von M.Lüthy , H.Haidegger und H.Steuri 1938 eröffnete klassische Route der Nordostwand geniesst einen besonderen Ruf : Im Führer ist von einem im ganzen guten Fels die Rede , dann wird aber präzisiert , dass es sich um eine dolomitenähnliche Wand handelt und darum gewisse Vorsichtsmassnahmen nötig sind , vor allem , wenn sich andere Seilschaften in der Route befinden . Zudem , und das wird unser Hauptproblem sein , werden wir uns beeilen müssen , denn Daniel wird morgen abend in Bern zurückerwartet . Das Rennen gegen die Uhr hat begonnen ! Schon Bern . Ein Heer von Arbeitern ergiesst sich aus den Wagen und verschwindet in der Tiefe des Bahnhofs . In dieser Menge , zwischen einer nach billigem Parfum duftenden Sekretärin und zwei sehr ( zu ? ) dynamischen Kaderleuten , kann ich nicht anders , als mit meinem Rucksack in der von der Menge bestimmten Richtung zu treiben und dabei zu hoffen , das Gedränge möge ein wenig nachlassen und mir eine Chance geben , zu entwischen und Daniel zu treffen - aber wo eigentlich ? Mir bricht der Schweiss aus : Wir haben versäumt , einen Treffpunkt auszumachen ! Was tun , damit wir uns in dieser Menschenflut finden ? Zum Glück wird der Menschenstrom langsam etwas dünner , das Vorankommen ein bisschen leichter , und ich habe gerade noch Zeit , ein Stück einer roten Hose und einen Trek-kingschuh zu entdecken , die um eine Treppenecke verschwinden . Es ist wirklich Daniel ! Wir steigen in seinen kleinen Wagen , um den Ausgangspunkt unserer Unternehmung zu erreichen , den Parkplatz oberhalb Rosenlaui , kurz hinter Meiringen . Zum Kingspitz Zuerst müssen wir das für unsere Besteigung notwendige Material auswählen , wobei einige wichtige Entscheidungen nötig werden . Obgleich uns das Biwakieren im Freien viel Freude macht ( wir tun es so oft wie möglich ) , entschliessen wir uns gleich zu Beginn , in der Hütte zu übernachten . Das erspart uns Gewicht , weil wir nur eine Nacht in den Bergen zubringen werden . Anschliessend müssen wir uns entscheiden , welche Taktik wir für die Ausrüstung der Route wählen wollen : Sollen wir die Seillängen und Standplätze vollkommen mit Bohrhaken ausgerüstet lassen , wie man es im allgemeinen im Klettergarten macht ? Oder sollen wir einen Mittelweg einschlagen , der darin besteht , nur die Standplätze ( zum Abseilen ) und jene kompakten Partien auszurüsten , bei denen eine Sicherung mit Klemmkeilen nicht möglich ist ? Wir entscheiden uns für diese zweite Lösung , einerseits aus finanziellen Gründen , dann aber auch , weil wir meinen , es sei heutzutage wichtig , Kletterer zu grösserer Verantwortung im Gebirge zu veranlassen . Die Tatsache , die Klemmkeile selbst anbringen zu müssen , seine Route sowenig wie möglich auszurüsten und manchmal Rücksicht auf die direkte Umgebung zu nehmen , begünstigt , wie uns scheint , einen Reifeprozess beim Kletterer . Diese sogenannte Technik der ( Minimalabsicherung ) ist die im allgemeinen im Hochgebirge angewandte Methode , vor allem in Granitwänden , in denen die freiliegenden Risse eine verhältnismässig einfache Sicherung ermöglichen . Sie wird dagegen in Kalkwänden selten benutzt , weil sich einerseits diese Gesteinsart weniger gut eignet und andererseits der Einfluss der Klettergärten , wo die ganze Ausrüstung an Ort und Stelle vorhanden ist , sich dort entscheidend bemerkbar macht . Mancher wird sich wundern , dass wir nach dem Gesagten nicht weniger als 58 Bohrhaken in der Route beliessen . Ganz besondere Aufmerksamkeit muss in dieser Hinsicht dem Problem eines Sturzes auf den Boden und des möglichen Anpralls gegen eine Besonderheit im Gelände ( z. B. gegen eine Ver-schneidungswand oder von einem Überhang auf eine geneigte Platte ) gewidmet werden . Nachdem diese Probleme gelöst sind , müssen wir nur noch unsere Lasten so ordnen , dass sie dem Aufnahmevermögen unserer Rucksäcke entsprechen , und dann mit munterem Schritt den herrlichen Weg zur Engelhornhütte in Angriff nehmen . Es ist 11 Uhr vormittags . Ende des ersten Aktes Über die Kletterei selbst ist eigentlich wenig zu sagen , ausser dass wir am Anfang des Nachmittags die Besteigung des Sockels der klassischen Route von 1938 bis zum Beginn des ersten steilen Aufschwungs ( etwa 100 Meter über dem Wandfuss ) in Angriff nehmen . Nachdem wir dieser Route noch einige Seillängen gefolgt sind , um uns in dem Plattenlabyrinth zu orientieren , kehren wir auf die Höhe des Sockels zurück , um uns links einer markanten braunen Ader zuzuwenden , deren Fels etwas stärker strukturiert wirkt als die benachbarten schwärzlichen Platten . Nachdem wir zweieinhalb Seillängen in diesem merkwürdigen Felsband geklettert sind , können wir uns nach rechts wenden , um den Anfang der zentralen Zone grauer Platten zu erreichen , eine grossartige kompakte Rutschbahn , die eine anhaltende , schwierige und technisch anspruchsvolle Kletterei verheisst . Doch die auftretenden Gleichgewichtsund Adhäsionsprobleme können uns nicht daran hindern , Gedanken und Blicke über die Grate und Gipfel rings um uns schweifen zu lassen . So bewundern wir mit Vergnügen zwei Seilschaften , die den Westpfeiler der Vorderspitze ersteigen . Die Engelhornhütte besitzt noch den etwas altmodischen , aber so liebenswerten Reiz einer echten Berghütte , die von unmässigen Vergrösserungen und Modernisierung verschont geblieben ist . Der Bau hat bescheidene Ausmasse , die Schlafräume sind merkwürdig ineinandergeschachtelt , und die Küche bildet einen Teil des Aufenthaltsraumes , der dadurch eine gewisse gesellige Note erhält . Samstag , 10. September 1988 : zweiter Akt Während wir am Vorabend allein in der Wand waren , gibt es heute mehr als zehn Seilschaften , Anwärter auf die klassische Route . Das bestärkt uns in unserem Entschluss , den Heim zu tragen . aber die zum Glück bemerkenswerte Seltenheit herunterregnenden Gerölls verdient es , die Korrektheit und Meisterschaft der uns benachbarten Seilschaften zu betonen . Im Plattenpanzer der Kingspitz-Nordostwand Im Augenblick , als wir unser Materialdepot erreichen , kommen wir in den Genuss der einzigen , allerdings nur kurzen sonnigen Phase des Tages . Wir nehmen die Fortsetzung unserer Route in Angriff , an unserem achten Stand kreuzen wir die klassische Route von 1938 . Es sei noch bemerkt , dass wir an Stand 5 und Stand 7 zu unserer Überraschung uns unbekannte alte Reihen von Haken und Bohrhaken gekreuzt haben , zwei einstige Routenführungen , die sich offensichtlich zu unserer Linken fortsetzen . Der zweite Teil unserer Route , oberhalb von Stand 8 , erfordert bald grössere Vorsicht wegen der Qualität des Gesteins , dies um so mehr , als wir jetzt oberhalb der in der klassischen Route kletternden Seilschaften sind . Eine letzte Verschneidung , eine letzte abdrängende Stelle , und wir sind wieder in der Nähe der klassischen Route , am Ende der Schwierigkeiten und wenig unterhalb des Gipfels . Dort erleben wir die Überraschung - sie ist gegenseitig - , unsern Freund Kaspar Ochsner zu treffen , den grossen Spezialisten dieser Region ( Kaspar hat zahlreiche , sehr schöne Routen gerade gegenüber , am Simelistock , eröffnet ) . Darum beginnen wir nach einer letzten , mit der klassischen Route von 1938 zusammenfallenden Seillänge - zur Beruhigung meines Gewissens - , uns abzuseilen . Wir erreichen das Tal in Rekordzeit . .... ..„pitz- Nordostwand auf Vorderspitze ( rechts ) und Gross Simelistock ( links ) Technische Angaben Vgl. MB 3/89 , S. 116 Nordostwand des Kingspitz : Route . AS-/ 550 m / Passagen 6b zwingend / 6c in Freikletterei . Sehr interessante Kletterei , besonders in der mittleren Zone , die ein gewisses Engagement verlangt und den Charakter einer grossen Kalkwand bietet . Stellenweise erfordert der Fels einige Vorsicht . Material : Friends und Klemmkeile / 45-m-Seile / Heim ratsam Zugang : Abseilen von Stand 13 ( 45-m-Seile ; maillons rapides vorhanden ) oder vom Gipfel über die Westflanke Erstbegehung : Inhalt 61 Peter Donatsch Korsika - ein Gebirge fällt ins Meer 69 Andreas und Claudine Mühle-bach-Métrailler Skitouren in Kalifornien 80 Daniel Santschi Am Huascaran in der Cordillera Blanca 88 Christian Weiss Bergtouren im Altai , Sowjetunion 96 Johann Jakob Burckhardt Eine Alpenreise von Rudolf Wolf im Jahre 1835 Herausgeber Redaktion Schweizer AlpenClub , Zentralkomitee ; Helvetiaplatz 4 , 3005 Bern , Telefon 031/433611 , Telefax 031/446063 . Daniel Santschi , Solothurn 102 Michel Ziegenhagen Ein Berg der Überraschungen 114 Michel Marthaler Die penninischen Decken in den Walliser Alpen Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement nicht möglich ) : Allgemeine Angaben Adressänderungen : auf PTT-Formular 257.04 . Inhalt : Diese muss nicht unbedingt mit derjenigen des SAC übereinstimmen . Nachdruck : Alle Rechte vorbehalten . Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen , doch wird jede Haftung abgelehnt . Die Redaktion entscheidet über die Annahme , die Ablehnung , den Zeitpunkt und die Art und Weise der Veröffentlichung . Beglaubigte Auflage : 71 176 Exemplare . lin Berg der Überraschungen Michel Ziegenhagen , Lausanne Erster Angriff Das Nadelhorn stand für meinen Kollegen und Freund André Berney und mich auf der Liste jener Gipfel , die wir uns für eine Besteigung mit Ski vorgenommen hatten , denn es schien uns unangebracht , einen Gipfel im Sommer in Angriff zu nehmen , wenn das auch im Frühjahr möglich wäre . Unsere Erfahrung war sehr gering , unsere Ausrüstung rudimentär , unsere Begeisterung dagegen ansteckend und unsere Entschlossenheit ohne Fehl . Wir wussten kaum , dass es einen Alpenclub gab , und konnten uns nicht vorstellen , wozu er gut sein könnte . Hatten wir nicht im vergangenen Sommer das Finsteraarhorn bestiegen , und würden wir nicht in einigen Monaten zum Montblanc und zum Matterhorn zurückkehren ? Andere dagegen zwingen durch immer neue Hindernisse zu vielfachen Versuchen , so dass man sich am Ende von ihnen verabscheut fühlt ; es scheint , als hause ein böser Geist im Berg . Es gibt noch eine dritte Art , deren Vertreter sich zunächst in einem freundlichen Licht zeigen , dann aber einen üblen Trick bereithalten , eine Art coup de Jarnac , einen heimtückischen Streich , der die Fähigkeiten des Kletterers auf eine harte Probe stellt . Es hätte aber mehr gebraucht , um André zu entmutigen , der mit seiner unermüdlichen Unternehmungslust in einem andern Kollegen einen Gefährten fand . Die beiden begaben sich zur Bordierhütte . Am nächsten Tag ereignete sich während der Tour ein äusserst seltener doppelter Zwischenfall . Beim Aufstieg versank der Kollege , der auf dem Riedgletscher voranging , plötzlich , mit den Ski an den Fussen , zur Hälfte in einer Spalte . Es gelang ihm , sich zu befreien . Etwas höher , in der Nähe des Windjochs , musste die Tour dann wegen überreichlicher Neuschneemengen ein Ende finden . Bei der Abfahrt sind die beiden mutigen Gesellen offenbar ihrer eigenen Spur auf etwa zehn Zentimeter genau gefolgt , denn André stürzte in dasselbe Loch und hing dort an seinen quer in der Spalte verklemmten Ski ! Für einige Zeit war das Nadelhorn , das seine Besucher so unliebenswürdig empfangen hatte , kein Thema mehr . Tatsächlich war zwischen uns beiden nie mehr die Rede davon . Drei Jahre später , am ZinalRothorn , fand André sozusagen vor meinen Augen bei einem unglücklichen Pendelsturz von rund zehn Metern , in einer Passage ohne Schwierigkeit , den Tod . Wenn ich aber glaube , was Livanos über den grossen Riccardo Cassin gesagt hat , so genügt es nicht , auf das Glück zu warten , man muss es auch mit der nötigen Entschiedenheit herbeirufen . Das Wesentliche wäre also , das Unglück zu vermeiden ? Aber welchen Sinn haben solche Worte , wenn ein Freund den Tod findet ? Nicht einmal den einer Art Leichenrede . Erinnern sich diejenigen , die uns damals geholfen haben , noch an den 12. August 1973 ? Äusserst tüchtige Retter von der Air-Zermatt , Bergführer und Alpinisten , deren Namen ich nicht kenne ( mit Ausnahme von Alain Junod und Denis Berger , Sektion Diablerets , die den Alarm auslösten ) , denn ich habe in dem Durcheinander des Geschehens nicht daran gedacht , sie danach zu fragen . Ein schändlicher Streich Die Genfer haben ihre eigenen Gewohnheiten , das sei ohne die geringste Anspielung auf den etwas abgenutzten Witz gesagt , mit dem die Miteidgenossen die Redeleistung und das ewig mäklige Temperament der Leute vom Ende des Genfersees mit dem Umfang ihrer Stimmorgane in Verbindung bringen . Unter andern Besonderheiten feiern die Genfer le Jeûne - den Bettag - zehn Tage vor den andern Schweizern ( beachten aber deswegen Mässigkeit und Sittenstrenge auch nicht mehr ) , also an einem Donnerstag . Das gibt ihnen jedesmal Anfang September Gelegenheit , die ( Brücke zu schlagen ) und sich an vier aufeinanderfolgenden Tagen ihrer Freizeitbeschäftigung zu widmen . Am Freitag stiegen acht der Muntersten zur Mischabelhütte auf , was andere Alpinisten und sogar einige Führer veranlasste , ebenfalls aufzusteigen . Vielleicht durch den zu dieser Jahreszeit ungewöhnlichen Besucherstrom überrascht , machte sich auch der Hüttenwart auf , marschierte in gutem Tempo und überholte uns mühelos . Wir rechneten darum damit , das notwendige Bier für unsern wachsenden Durst zu erhalten . Wie gross war unser Kummer , als wir feststellen mussten , dass uns das kostbare Nass , das an den andern Tischen in Strömen floss , ohne Erklärung oder sichtbaren Grund verweigert wurde . Beim Nachtessen spielte sich dasselbe mit dem Wein ab , der Hüttenwart behauptete sogar zu Unrecht , wir hätten unsere Bestellung nicht früh genug aufgegeben ! Wir erhielten nur gerade das uns reglementarisch zustehende Wasser . Am nächsten Tag waren wir fünf , die auf das Nadelhorn wollten . Eine Zweierseilschaft kam schnell voran und erreichte die Hütte , ohne weiter zu warten . Ich führte die folgende , unterstützt von Paul Delisle , dem getreuen Gefährten unzählbarer Unternehmungen im Gebirge . Zwischen uns hatten wir ein neues Mitglied . Wir sind also unter den Gipfelfelsen , steigen mit kleinen Schritten über Blankeisplatten ab . Beim Aufstieg waren uns diese Passagen einfach erschienen , doch wenn man sich dann dort mit dem Blick ins Leere wiederfindet , werden die Folgen eines möglichen Sturzes plötzlich sehr viel deutlicher . Veranlassen sie unsern Neuling zu einigen Überlegungen ? Er richtet unvermutet eine Frage an mich : ( Wenn ich falle , hältst du mich dann?> - . Was können wir von diesem übellaunigen Hüttenwart zur Stillung unseres Durstes anderes erbitten als Wasser ? bewusst ) , ich habe also alle Musse zu sehen , wie das Loch , durch das ich gefallen bin - es ist im Augenblick das einzig Helle - , sich in grösster Geschwindigkeit entfernt und bereits vier oder fünf Meter über mir ist . Wir waren mit straffem Seil gegangen . Wenn ich so tief fallen konnte , dann , weil ich aus einem unverständlichen Grund Jean-Luc nachgezogen hatte . Diese Folgerung hätte mich vor Entsetzen zu Eis erstarren lassen sollen . Aber nein , sie lässt mich vollkommen gleichgültig , wie irgendetwas Belangloses . Einen Kameraden versinken zu sehen , hätte mir mein ganzes Innere zusammengezogen . Aber nichts dergleichen : Ich habe das Gefühl , meinen eigenen Sturz mitzuerleben , ohne wirklich beteiligt zu sein , die verschiedensten Eindrücke wahrzunehmen , die zu schnell aufeinanderfolgen , als dass ich sie zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden könnte . Eine Art Persönlichkeitsspaltung , ein unbekümmertes Gefühl , in der Luft zu treiben , keine Geste der Gegenwehr . Fatalismus , die Würfel sind gefallen , ich habe einen Fehler gemacht , also muss ich dafür büssen . Doch das wäre eine zu weitgehende Interpretation . Ich war ganz einfach eine Sekunde lang wie erstarrt , und jetzt ist es zu spät , um noch irgend etwas zu versuchen . Als ich mich später an diesen Sturz erinnerte , kam mir der Gedanke , die Vorstellung der Trennung von Körper und Seele im Augenblick des Todes könnte in solchen Augenblicken entstanden sein . Ein letzter Stoss , heftiger als die vorhergehenden , setzt dem Fall ein Ende . Ein schmales , aus der talseitigen Wand vorspringendes Eisbankett beendet den Sturz ; wenn mich der zweite Stoss nicht schräg unter den Überhang geworfen hätte , fiele ich jetzt glatt daran vorbei . Der Rucksack fängt einen Teil des Schlages ab , ein praktisch abgerissener Tragriemen wird das später zeigen . Ohne den Sack wäre ich nach meinem Sturz auf den Rücken vielleicht nicht mehr aufgestanden . Das am Ende des Falls zunehmend stärker gespannte Seil hatte ebenso dazu beigetragen , den Aufprall zu dämpfen . Ich brauche einige Augenblicke , um wieder zu Atem zu kommen und meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen . Alles ist grau und unscharf . Mechanisch fahre ich mit einer Hand über meine Nase . Meine Brille ? Auf das Bankett gestützt , muss ich die Ersatzbrille aus der Rucksacktasche holen . Endlich sehe ich klar , aber die Umgebung ist unheimlich : grünliche , bestürzende Eiswülste , Bahnen von Faulschnee , bergwärts schwärzlicher Fels . Hinaus , und schnell ! Wo ist mein Pickel geblieben ? reisst mich die Stimme meines Kameraden aus den Gedanken . In den späten Morgenstunden des folgenden Tages befinden wir uns bereits wieder auf dem Rückmarsch . Zwischen wirr aufeinandergetürmten Felstrümmern am Gletschertor su chen wir uns den Weg zum Talausgang , wo ein heller Sonnenfleck den Bachlauf silbern schimmern lässt . Hier aber regnet es noch wie aus Kübeln . Über Georges Wangen läuft ein helles Rinnsal - ist es Regenwasser oder der Schweiss der Anstrengung ? Wolken umhüllen das Rheinwaldhorn und wälzen sich schwerfällig über den Gletscher hinunter . Zyklopenhaftes Chaos am Fuss der Eiszunge , Blöcke , labil auf schmalen Eisgrätchen balancierend , jederzeit absturzbereit . Die Zähne der Steigeisen knirschen und quietschen bei jedem Schritt auf dem groben Steingrus . Das Rheinwaldhorn scheint heute keine Lust auf uns zu haben . buchstäblich auf dem Weglein abwärts , um der Sonne entgegenzueilen , die im untersten Teil der Lampertschalp - welch ein Hohn - den ganzen Vormittag geschienen hat . Zweiter Akt Das Bild vom weissen Spitzchen , dem Gipfel des Rheinwaldhorns , hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben . Und ist der Mensch im Grunde nicht ein Wesen , das eher ein angenehmes Leben sucht ? Leise drängt sich dann etwa die Frage auf , ob man sich's am Samstagabend nicht besser im Lehnstuhl bei Bier und Thomas Gottschalk bequem machen sollte , als in einer kalten Berghütte unter einer mief igen Wolldecke nach Schlaf zu suchen . Zwei , drei vorsichtige Schritte - dann verliere ich erneut das Gleichgewicht . Ich schimpfe vor mich hin , manchmal laut , manchmal leise . Ich verwünsche den unerwartet tiefen Schnee , das schwache Mondlicht , den schweren Rucksack . Schwäche und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit lähmen den Körper . Stehenbleiben und den Rucksack in den Schnee werfen . Die Augen zusammenkneifen und angestrengt in die Nacht starren : Ist das nicht die Hütte da vorn , dieser dunkle Schatten ? Pius hat mindestens eine Viertelstunde Vorsprung . Bloss seine Spur , manchmal nur oberflächlich zu sehen , meist aber deutlich ausgeprägt , weist mir den Weg . Erneut bleibe ich stehen und starre ins Dunkel . Die vermeintliche Hütte entpuppt sich als Felsblock und der Holzstoss als ein Haufen von Zaunpfosten , die der Hirt im Herbst hier aufgeschichtet hat . Das Mondlicht verleiht der Landschaft um die Lampertschalp ein ganz eigenes trügerisches , überirdisches Relief . Der Gedanke gibt mir wieder Kraft für die nächsten hundert Meter . Der Wind singt seine Melodie , während er über diese verfluchten , nicht enden wollenden Schneefelder mit ihren tückischen Löchern und Verwehungen hinwegstreicht . Ich denke an den Gleitschirm im Rucksack . Den Schirm aufziehen , ein leichtes Rauschen und Abheben , keine schweren Güferhorn und Rheinwaldhorn , die beiden beherrschenden Gipfel der Adulagruppe Beine mehr , kein böser Rucksack , keine unsichtbaren Schneefallen , die mich in die Tiefe reissen wollen . Auf einmal kriecht es feucht und kalt den Rücken hinauf . Beinahe wäre ickeingeschla-fen ! Weiter , weiter , hämmert es jetzt in meinem Kopf , und die Kälte unter dem nassge-schwitzten Hemd treibt mich voran . Wieder einen Hang hinauf und um einen Felsblock herum . Jeder Schritt ist mittlerweile zur Qual geworden . Es ist eine Kraft , die ehrlich ist , die nichts vorspiegelt . Somit ist auch der abendliche Alptraum in dem Moment schon vergessen , als wir am nächsten Morgen , zwar immer noch übertük-kisch verblasene Schneefelder , aber mit dem weissen Spitzchen vor Augen gegen den Län-tagletscher aufsteigen . Markus , der Gewichtigste unserer kleinen Gruppe , bahnt uns einen Pfad . Wo er nicht mehr einbricht , wird der Schnee auch uns tragen . Auf dem Gletscher führt abwechslungsweise jeder eine kurze Strecke . Die tiefe , hinter uns zurückbleibende Spur ist unser Gemeinschaftsweg , an dem wir alle unsern Anteil haben . Später finden wir eine apere Rippe , über die wir wie auf einer Treppe höhersteigen können . Auch der Gipfelgrat ist schneefrei und hart gefroren . Ich denke zurück an unser letztes Rheinwaldhorn-Erlebnis und geniesse jeden Moment doppelt . Wie von Meisterhand geschaffen , ebenmässig , nur den wichtigsten graphischen Linien verpflichtet , steht der Gipfel vor uns , Tor zu einer weiteren Dimension , unsichtbare Kraft , Ziel . Keiner spürt mehr die müden Beine und das Gewicht des Rucksacks . Es ist beinahe windstill . Unerreichbar in das unendliche Blau des Himmels aufstrebend , erscheint das Rheinwaldhorn vom Tal aus . Für uns aber ist es nur ein Schritt auf dem Weg zu jenem Ziel , zu dem wir während unseres ganzen Lebens unterwegs sind .