Files
bertalign/bin/bleualign/test/refer/eval1989.europarlfull..europarlfull-bad-s
2021-05-18 00:12:12 +08:00

303 lines
41 KiB
Plaintext

Die Routen bewegten sich zunächst im Bereich des sechsten , dann des siebten und schliesslich des achten Grades .
Besonders Aufsehen erregten die konsequent von unten eröffneten Routen wie Le Toit , Quo Vadis , Via del Ladro Corda und Kolibri .
Als man aber auch in Üschenen begann , die ersten , meist kürzeren Anstiege abseilend zu eröffnen , wurde es plötzlich etwas stiller um dieses Klettergebiet .
Während die einen diese neue Praxis verärgerte , glaubten andere , die vorhandenen Möglichkeiten seien bereits weitgehend ausgeschöpft .
Und so konzentrierte sich das Interesse auf Gebiete , die noch weniger erschlossen waren .
Erst 1988 rückten durch die Eröffnung neuer Routen die landschaftlich überaus reizvoll gelegenen Felsen von Üschenen wieder ins Blickfeld .
In der Zwischenzeit hatte man auch gelernt , die verschiedenen Aspekte mit mehr Objektivität und der nötigen Toleranz zu betrachten , sind doch die Unterschiede zwischen von unten und von oben eingerichteten Klettereien nun jedem klar und Vor und Nachteile bekannt geworden .
Beides ist möglich , beides hat seine Berechtigung und nicht zuletzt auch seinen besonderen Reiz .
Es gibt anspruchsvolle Anstiege wie zum Beispiel die von unten eröffnete Route Kumulus von Martin Stettier , die eine gesunde Moral und hohes Können erfordern und damit auch über einen ganz eigenen Erlebniswert verfügen .
Dasselbe gilt für die von den rein klettertechnischen Schwierigkeiten her gesehenen Spitzenrouten und Anziehungspunkte für leistungsstarke Kletterer Bscbüttigütti{\Q ) und Fusion ( 10- ) .
Diese stellen jedoch andere Anforderungen - nicht nur an den Kletterer , welcher der Besonderheit der Route mit Konsequenz und grösster Konzentration begegnen muss , sondern auch an den Sichernden , der viel zu einem schnellen Gelingen eines solch anspruchsvollen Unternehmens beitragen kann .
Die beiden Spitzenrouten wurden 1988 erstmals Rotpunkt geklettert :
die Fusion durch Jürg von Känel im Oktober , und das langjährige Projekt Bschüttigüttigelang dem Autor an einem neblig-kalten Tag im Sommer .
Dies , nachdem die Route neu eingerichtet und die Linienführung im obersten Teil noch bestimmt werden musste .
Die Durchsteigung derartiger Routen bietet - besonders wenn sie , wie in diesem Fall , nach nur sehr kurzer Vorbereitungszeit bereits im ersten Vorstiegsversuch gelingt sehr intensive Klettererlebnisse und gehört deshalb zu den Höhepunkten im Leben eines Kletterers .
Jene Augenblicke , in denen alle Voraussetzungen gegeben sind , damit eine Route im 10. Schwierigkeitsgrad in sehr kurzer Zeit gelingt , lassen sich kaum im voraus bestimmen oder planen .
Zumindest mir scheint diese Fähigkeit nicht gegeben zu sein - selbst wenn ich mich vorher lange und intensiv mit mir und meinem Ziel auseinandergesetzt habe .
Vielleicht kann man aber eine solche Herausforderung auch nur bestehen , wenn ihr eine besondere Situation vorausgegangen ist . Eine Situation , die , von jedem Erfolgsdruck befreit , hemmende Blockierungen löst und so erst die notwendige Ausgewogenheit der Bewegungsabläufe ermöglicht .
Manchmal spielen aber auch klimatische Bedingungen eine grosse Rolle , indem sie erlauben , die Kraft voll auszuspielen - oder eben nicht .
Kaum etwas vermag mich in einem schwierigen Aufstieg mehr zu irritieren als das durch eine etwas zu hohe Temperatur hervorgerufene unangenehme Gefühl , fast unmerklich , aber ständig von jedem Griff zu rutschen .
In solchen Fällen konzentriere ich mich dann ganz von selbst auf dieses Problem und werde damit vom Klettern abgelenkt .
Es kann aber auch vorkommen , dass ein <prestigegelade-nes> Umfeld , so zum Beispiel zufällig anwesende Personen , derart motivierend wirkt , dass ein Kletterer sich plötzlich mit anscheinend grösster Sicherheit am Fels bewegen kann .
Um so wertvoller und erlebnisintensiver werden deshalb jene Momente empfunden , in denen man sich den Anforderungen gewachsen fühlt , selbst wenn die Ziele sehr hoch gesteckt sind .
Die persönliche Situation , die ( Atmosphäre ) , der Tag , die Person des Sichernden all das und vielleicht noch mehr müssen ideal zusammenpassen , um ein durchgehend positives Umfeld zu schaffen .
Routenziele Bei der Fusion handelt es sich um eine Kombination aus einer bestehenden Route im 9. Schwierigkeitsgrad und einer davon abzweigenden Traverse über ein ausladendes Dach .
Der Ort , wo die ( Fusion ) stattfinden soll , ist gleichzeitig auch die Schlüsselstelle der gesamten Tour .
Nach einer steilen , mit messerscharfen kleinen Griffen bestückten Passage und einem eindrücklich ausladenden Dach folgt die Stelle , an der sich alles entscheidet .
Das Vor und Nachher ist verhältnismässig leicht in den Griff zu bekommen , nicht aber die Loslösung von der ursprünglichen Linie , die gerade aufwärts weiterführen würde .
Ich habe mir die Route zusammen mit Heinz Gut ein erstes Mal an einem wunderschönen Herbstnachmittag im November angeschaut .
Neben einem kurzen <Vertrautwerden> mit der etwas speziellen Linienführung und den originellen Bewegungsabläufen vor und nach der Schlüsselpassage reicht es gerade noch für je einen Vorstiegsversuch .
An der Schlüsselstelle sind wir aber bereits völlig ausgepumpt , chancenlos , den ( Absprung ) von der geraden Linie überhaupt zu wagen .
Voller Ehrfurcht beginnen wir auf der Heimfahrt von der neuesten <Jürg-von-Känel-Kreation> zu sprechen .
Eine Woche später droht sich die Zeit des stabilen schönen Herbstwetters ihrem Ende zu nähern .
Und damit scheint auch der Traum von der Fusion für dieses Jahr ausgeträumt zu sein .
Heinz weilt in Südfrankreich , er hat dort Ziele , die ihm eher machbar erscheinen .
Und Gabriele will nach Italien .
Sie mag den Nebel hier nicht und befürchtet , um diese Jahreszeit an den voralpinen Felsen ohnehin nur zu frieren .
Geklettert wird nach wie vor zu zweit , und meist haben beide Partner ihre Routenziele und Vorstellungen , die auf einen zufriedenstellenden Nenner gebracht werden müssen .
Deshalb scheint es mir manchmal recht schwierig , die eigenen Interessen vor mir selbst und dem Partner einzugestehen und gegebenenfalls sogar durchzusetzen , befürchte ich dabei doch , im Falle eines Misserfolges seine Hilfe zu Unrecht beansprucht zu haben .
Andererseits sollten wir trotz derartiger Bedenken vielleicht vermehrt daran glauben , dass solche Unterstützung gerne geleistet wird und von Herzen kommt , wenn der Partner spürt , dass der richtige Moment da ist , um dem andern zu helfen , sein Ziel zu erreichen .
Die Luft ist frisch , und am Fusse der Felsen kann man sich noch in die warme Sonne legen .
Die Berge sind schon weit hinunter eingeschneit , und bis auf einen einzelnen Kletterer , der am Einrichten einer neuen Route ist , sind wir hier oben allein .
Dieser erste Vorstiegsversuch gelingt gar nicht schlecht . Beim Einhängen der blauen fixen Schlinge bin ich aber instabil und brauche deshalb viel Kraft .
Zudem liegt die Hand unter dem Seil .
Das kostet zu viel Zeit , um sie für das schwierige Nachgreifen freizubekommen .
Ein zweiter Anlauf erfolgt nur wenig später , solange der richtige Teil der Bewegungsabläufe noch im Gefühl ist .
Gabriele hat mich für das schwierige Einhängemanöver beruhigt und mir Mut gemacht .
Ihre Anweisungen helfen mir in diesem Moment sehr viel , und es geht auch gleich deutlich besser .
Nur um wenige Millimeter verfehle ich den Griff .
Pause .
Wir wandern ein wenig umher und schauen uns den neuen kleinen Klettergarten an .
Dann auch das Bschüttigütti .
Immer wieder fasziniert mich diese Linie durch die steil aufschiessende Platte mit ihren nur winzigen Einkerbungen .
Ich fühle mich gut .
Ausgewogen und ruhig .
Vielleicht deshalb , weil es mir in diesem Moment hier oben , inmitten einer wunderschönen Landschaft , an nichts fehlt .
Wiederum bekunde ich Mühe , die Bewegung im entscheidenden Moment genau zu erfühlen und zu kontrollieren .
Vor dem dynamischen Zug nehme ich noch zu viel Schwung , was bei der Kleinheit der Griffe ohnehin ein Unsinn ist .
Selber fällt mir der kleine Fehler aber kaum auf .
Ich spüre nur , dass etwas noch nicht ganz stimmt .
Gabriele gesteht mir noch einen Versuch zu , nur noch diesen einen .
Beim Losklettern frage ich mich kurz , ob sie wohl ungeduldig ist oder ob andere Überlegungen dahinterstecken .
Bestimmt würde sie mich noch einen weiteren Anlauf machen lassen , selbst wenn ich genau weiss , dass Konzentration und Kraft dazu nicht mehr ausreichen , dass die Haut an der Fingerspitze bald durchreisst und bei aller Feilscherei um einen fünften Versuch dieser mit Sicherheit danebengehen würde .
Im Dach ist kein Platz für derartige Überlegungen .
Die weiten Züge erfordern volle Aufmerksamkeit .
Dann der Überkreuzer an den winzigen Griff , der nötige Druck auf den Fussen , der Zwischengriff , und - mit etwas Glück - erwische ich den Schlitz mit einem Teil der Fingerspitzen .
Ein kurzes Nachfassen und ich habe ihn richtig in der Hand .
Die Traverse hat begonnen und muss jetzt noch konzentriert zu Ende geführt werden - bis an das vordere Dachende .
Einhängen des letzten Hakens und ein entschlossener weiter Zug an den Ausstiegsgriff .
Die letzten Sonnenstrahlen und die freundliche Sicherungshilfe von Ernst Müller - er ist alleine hier oben unterwegs - erlauben uns sogar noch , den Quergang ein zweites Mal zu klettern , dabei einige Bilder zu machen und den schönen Moment noch etwas auszukosten .
In bester Laune packen wir unsere Sachen zusammen und verabschieden uns von diesem einzigartigen Ort .
Die Sonne ist hinter dem Lohner verschwunden , und es wird schnell kalt .
Die Bewegung auf dem Abstieg wärmt uns aber bald wieder auf .
■rlebnis Selbsanft-Nordgrat
Albert Schmidt , Engi ( GL )
Für das Wochenende vom 28./29 . September 1985 habe ich mich mit meinen Seilkameraden Johann Stoffel und Harry Zweifel verabredet .
Besonders Harry , der im Tierfed unter den Selbsanftwänden aufgewachsen ist , freut sich , endlich einmal auf die hohe Spitze zu kommen , auf der schon sein Vater zur Zeit des Kraftwerkbaus gestanden hat .
Blick vom Vorder Selbsanft ( Hauser-horn)auf den Tödi sich plötzlich der Blick ins Limmerentobel , aus dessen uneinsehbarer Tiefe sich die gewaltigen Kalkwände des Muttsee und Selbsanftmassivs aufbäumen .
Der Eindruck , den diese wild-bedrohliche Gebirgswelt auf den Menschen macht , ist wahrhaft erschütternd , und Caspar Hausers eingangs zitierte Schilderung ( vgl. S. 31 ) hätte hier noch vermehrt Gültigkeit .
Manch einer , der mit den Bergen nicht so vertraut ist , würde sich an dieser Stelle wohl keinen Schritt mehr weiter wagen .
Wir betreten eine andere Welt , fern der unsrigen .
Bei einer Wasserfassung der KLL beginnt oben in der rechten Felswand der ( Birchen-gang> , ein schmales , abschüssiges Schrofen 41 und Felsband , das steil zur untersten Schulter der Nordflanke hinaufzieht .
In kurzer Zeit wächst unter uns die schwindelnde Tiefe des Limmerentobels .
Wir gehen hier unangeseilt , darum verlangt jeder Schritt Konzentration und Selbstsicherheit .
Von diesem ersten exponierten Absatz , dem Birchli , geht es nun durch Alpenerlen und über eine Felsstufe direkt den Berg hinan .
Vom zweiten Absatz , dem Luegboden , queren wir über Schrofen und Geröll steil in die Limmeren-flanke hinein , um bald einmal auf dem kräuterbewachsenen Band vor dem Biwakplatz zu stehen . <Balm> statt Höhle wäre allerdings die treffendere Bezeichnung für die beiden Einbuchtungen am Fusse der sich senkrecht auftürmenden Felswand .
Im Biwak Noch liegt goldenes Licht auf den Muttsee-gipfeln ;
Rasch fällt die Dämmerung ein und hüllt die Limmerenschlucht in dunkle Schatten .
Wir suchen ein günstiges Plätzchen in der Balm , rollen unsere Biwakmatte und den Schlafsack aus .
Dann setzen wir die Kocher in Betrieb , um unser Abendessen zuzubereiten .
Unter fröhlichem ( Tischgespräch ) vergeht die Essenszeit .
Meinen Kameraden erzähle ich , wie wir hier vor drei Jahren unsere Becher unter dem Überhang hervor in den prasselnden und mit Steinschlag durchsetzten Gewitterregen halten mussten , weil wir vergessen hatten , vom Limmerenbach Wasser mitzunehmen !
Eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit beginnt sich oben hinter den Muttsee-wänden eine Helligkeit am dunkelblauen Nachthimmel auszudehnen , und um 20.30 Uhr steigt der Vollmond über dem Kamm des Kistenpasses auf .
Er leuchtet direkt in unsere Höhle , und mit zunehmender Höhe fällt sein 42____________________________________ mildes Licht in die Tiefe der Limmeren-schlucht , breitet einen transparenten Schleier über die vorher harten , tiefschwarzen Flächen und Konturen der Bergwände .
Wir zünden eine Kerze an , die ihr warmes Licht auf unser felsiges Biwakdach wirft , dann krieche ich in die engste Spalte des Berges hinein , um auf dem Bauche liegend die einmalige Szenerie mit der Kamera einzufangen .
Wahrscheinlich kommen wir wieder einmal hierher , aber eine solche Nacht werden wir wohl nie mehr erleben können .
Allmählich nähert sich der Mond der hohen Horizontlinie des Selbsanft , berührt sie und verschwindet .
In unserer Balm wird es dunkel , und wir schlüpfen in die Schlafsäcke .
Die Stille der Nacht , nur unterlegt durch das leise Rauschen der verbleibenden Limmerenwas-ser , wiegt uns bald in den Schlaf .
Hier in der Falte des riesigen Berges fühlen wir uns ebenso geborgen wie zu Hause .
Um fünf Uhr piepst eine Uhr unerbittlich Tagwache .
Als erfahrene Biwakfüchse beherrschen wir allerdings die Technik , im Schlafsack liegend heisses Wasser zuzubereiten und so das Morgenessen - einen Becher Bircher-müesli und Kaffee-einzunehmen .
Im schmalen Ausschnitt , der zwischen Höhlendach und dem Muttseehorizont sichtbar ist , verblassen schnell die Sterne .
Um sechs Uhr verlassen wir im ersten Dämmerlicht unser romantisches Nachtlager .
Am Nordgrat Wirtraversieren zum Luegboden und steigen über die abschüssigen Gras und Schro-fenflanken dem ersten grossen Aufschwung des Nordgrates entgegen .
Auf den Bändern der Sandalpflanke entdecken wir einige Gemsen bei der Morgenäsung .
Hier oben hätten sie auch während der Jagdzeit wohl kaum etwas zu befürchten .
In einer gestuften Rinne geht es in leichter Kletterei hinauf zu einer schmalen Scharte im Nordgrat , wo uns die ersten Strahlen des aufsteigenden Tagesgestirns treffen - hundertfach erlebt und doch immer ein wundervoller Augenblick .
Wir seilen uns an und klettern direkt über die Gratkante weiter .
Auf den Leisten und Bändern liegt wohl viel Schutt , aber die steilen Vollmondnacht im Biwak Luegboden Aufschwünge bestehen aus recht gutem Jura-Malmkalk .
Eine Zone aus stark verwittertem , braunem Gestein erheischt anschliessend wieder vorsichtiges Klettern .
Wir gewinnen rasch an Höhe und stehen bald unter dem markanten gelbbraunen Gratturm , dem die früheren Begeher des Grates den phantasievollen Namen ( Goldenes Horn> gegeben haben .
Die Firnflächen der Claridengruppe und die Gletscher des Tödi leuchten blendend weiss in der Morgensonne , während im schon weit unten liegenden Tal immer noch dunkle Schatten lagern .
Nach dem breiten Schuttband hinter dem ( Goldenen Horn> zieht sich senkrecht und überhängend ein Felsband um den ganzen Bergstock . Die günstigste Route führt Auf dem Höhenrücken des Mittler Selbsanft ( Plattas Alvas ) ;
im Hintergrund der Bifertenstock zu einer Ecke empor , von der aus über einen Quergang unter einem Dach eine verwitterte Flanke zu gewinnen ist .
Heute folgen wir der Route , um oben am Fusse eines wilden Grataufschwungs wieder die Kante zu erreichen .
Die hier ansetzende senkrechte Bastion wird auf ihrer Ostseite von einer kaminartigen Verschneidung durchzogen .
Als alte Schlaumeier wissen wir , wie man eine solche Stelle anpackt :
Bald einmal sind wir an der Reihe , uns mit dieser tückischen Stelle auseinanderzusetzen .
Ein Anstieg über brüchiges Gelände führt uns zum obersten , dunklen Turm , der aus rau hem Nummuliten-Sandstein besteht .
Voll Freude klettern wir die halbe Seillänge über die Kante hinauf zur Spitze des Hauserhorns .
Gipfelrast Es ist erst zehn Uhr an diesem herrlichen Spätsommertag , und wir können uns eine ausgedehnte Gipfelrast leisten .
Neben dem Klotz des Mittler Selbsanft thront im Süden der Tödi in seiner ganzen Wucht über den Matten und Felsen des Bifertenalpli und der Röti .
Auf der Ostseite des Selbsanftmassivs liegt-weit unter uns - der Limmerensee mit seinem hellen graugrünen Wasser , gesäumt von den schattigen , zerklüfteten Bändern und Stufen des Kistenpasses .
Drüben aus der schuttgrauen Mulde zwischen Nüschenstock und Ruchi schaut das blaue Auge des Muttsees hervor , und rechts davon können wir noch die gleichnamige Hütte entdecken .
Talwärts gewandt , fasziniert uns der überwältigende Tiefblick fast 2000 Meter hinunter ins Tierfed , in die Abgründe der Sandalp , des Limmerentobels und der Linthschlucht .
Jetzt aber wendet sich unser Auge wieder dem Näherliegenden zu den Seiten des alten Gipfelbüchleins , das wir der blitzbeschädigten Büchse entnehmen .
Wir blättern ein wenig darin und tragen unsere Besteigung ein , dankbar dafür , dass wir die Reihe begeisterter Alpinisten seit 1863 fortsetzen können .
Die Gipfelstunde vergeht im Fluge , bis uns ein Blick auf die Uhr zum Aufbruch zwingt .
Auf den Höhen des Selbsanftmassivs Wir klettern vom Gipfelturm hinunter und wandern über die öde Gratsenke zum Mittler Selbsanft , den wir nach derTraversierung eines Geröllhangs durch ein Firncouloir ersteigen .
Oben auf dem Plateau öffnet sich ein weiter Horizont unter einem ebenso weitgespannten Himmel .
Aus dem engsten Verlies des Berges hinaufzusteigen , 1700 Meter höher , in Stunden voller Anstrengung , in schwierigem Gelände , um dann hier auf fast 3000 Meter Höhe diese helle , sonnendurchflutete Hochgebirgswelt zu erfahren - dieses Erlebnis wird nur ein Bergsteiger nachvollziehen können .
Über die weitgeschwungenen Höhenrücken von Plattas Alvas gelangen wir im Glanz der Firnfelder südwärts .
Unübersehbar breitet sich die ganze Alpenwelt Graubündens im Osten und Süden aus , wird nur über dem Lim-merenfirn vom langgezogenen Eisrücken des Bifertenstocks verdeckt .
Hier oben , auf dem gewölbten , rauhen Rücken des mächtigen Berges , wird die Verlassenheit und die Urtümlichkeit dieser Region beinahe körperlich spürbar .
Die Scherben und Platten des schneefreien Gipfelkammes klirren leise unter unsern Sohlen .
Zuweilen bilden sie merkwürdige Muster , deren Struktur erst aus höherer Warte erkennbar wäre .
Die vor uns liegende Wegstrecke wird also noch einen anstrengenden zweistündigen Einsatz erfordern .
Wir werden zunächst über die exponierte , drahtseilgesicherte Wand zum SeeEnde hinabsteigen müssen , um dann in der nachmittäglichen Hitze dem Pfad folgen zu können , der sich in ständigem Auf und Ab dem steil abfallenden Ufer des Limmerensees entlangzieht .
Im Och-senstäfeli wird uns schliesslich der schwarze , nasskalte Kraftwerktunnel aufnehmen , der uns durch den Berg zur Seilbahn bringt .
Hoffentlich schaffen wir es noch , die letzte , um halb fünf talwärts fahrende Gondel zu erreichen !
Die mit Seil , Pickel , Berg und Biwakausrüstung beladenen Rucksäcke werden dabei schwer am Rücken hängen , mit strapazierten Knien und Fussen , verschwitzt und durstig werden wir im Tal ankommen .
Vivant amici montium !
■rinnerungen Piz Buin und Piz Platta
Die Skitouren der SAC-Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta in den Rhätischen Alpen gehören schon lange der Vergangenheit an .
Dies erinnert mich an mein den damaligen Teilnehmern gegebenes Versprechen , die persönlichen Eindrücke niederzuschreiben , ebenso aber auch an die Gründe , warum es dann doch nicht dazu gekommen ist .
Einmal in den hektischen Alltagsbetrieb zurückgekehrt , musste bald diesem , bald jenem Priorität gegeben werden , so dass vieles , das auf den ersten Blick weniger von Belang erschien , auf die lange Bank geschoben wurde .
Aber aufgeschoben ist nicht aufgeho- ben , denn ein solches Versprechen wirkt weiter , macht sich bemerkbar , bleibt als ständiger leiser Vorwurf bestehen .
Soeben habe ich am Fusse der Crasta Mora , auf einem südexponierten Hang gepicknickt .
Unten in der Talebene , wo sich noch eine dünne , aber harte Schneeschicht hat halten können , gleitet ein Langläufer den schneefreien Rändern des einstigen Bachverlaufs des Beverin ausweichend , leicht auf und absteigend dahin .
Meine Augen folgen ihm , bis er in der Ferne verschwindet , und meine Gedanken schweifen zurück . Zurück zu den Skitouren der Sektion Bernina auf den Piz Buin und den Piz Platta .
Wenn ich mich jetzt zu erinnern versuche , was damals vorgefallen ist , muss ich geste hen , dass mir viele kleine , lustige Einzelgeschichten und Anekdoten , die sich in der Gruppe abgespielt haben , nicht mehr vollständig präsent sind .
Bei einzelnen Vorkommnissen haben sich die Konturen zum Teil verwischt , sie wirken verschwommen und leben erst dann wieder auf , wenn zu gegebener Zeit , in Anwesenheit der damaligen Teilnehmer , die Eindrücke rekonstruiert werden können .
Davon ausgenommen sind natürlich jene Erleb- Nächste Doppelseite :
Im Aufstieg über den Ostgrat von der Fuorcla Buin zum Piz Buin Grond nisse , denen eine starke subjektive Komponente anhaftet .
Jede Tour setzt sich aus einer Aneinanderreihung von vielen einzelnen Details zusammen , die erst in ihrem gegenseitigen Verhältnis wieder einen Gesamteindruck vermitteln .
Eigentlich nichts Aussergewöhnliches , etwas , das sich im täglichen Leben im Gemsen , eine auf Skitouren stets wieder anzutreffende Wildart mer wieder abspielt .
Eine Tour kann aus grandiosen Eindrücken bestehen , aber es kann auch sein , dass Einzelheiten eine derart grosse Bedeutung erhalten , dass sie alles andere überstrahlen ;
so zum Beispiel die Schmerzen , die eine Blase beim Laufen verursacht , der Tanz mit hohen Bergschuhen in einer kleinen , getäferten Wirtsstube im abgelegenen Maiensäss , die Wolkenbilder , die am Fuss des Piz Platta bei einem Wirbelsturm entstanden , oder die Laute der Schneehühner , die frühmorgens beim Wegmarsch von der Buinhütte zu vernehmen waren .
Für mich wäre es nun sinnlos , die ganze Tour schriftlich nachzuvollziehen , vielleicht auch zu mühsam , die Erinnerungsbruchstücke aneinanderzureihen .
Immer wieder frage ich mich - fragt sich wohl jeder - , weshalb man in aller Frühe aufsteht , bei klirrender Kälte schlotternd am Parkplatz bei der Post in St. Moritz Bad auf die Tourenkameraden wartet , einen langen , beschwerlichen Aufstieg auf sich nimmt und schwierige Passagen bei der Abfahrt meistert .
Die dabei gewonnene Distanz bietet mir die Möglichkeit , das , was mich beschäftigt , von einer anderen Seite anzupacken oder nach neuen Wegen zu suchen .
Es kam schon vor , dass es mich in meiner periodisch auftretenden Isoliertheit grosse innere Überwindung kostete , an einer Sektionstour teilzunehmen , von der ich dann aber frohen Mutes und in meiner inneren Welt bestärkt zurückkehrte .
Dabei Messen sich öfters gute Lebensgefühle , die in schwierigen Zeiten um so seltener werden , wieder erwecken .
Trotzdem bieten die Berge dem mit Schwierigkeiten behafteten Menschen keinen Ausweg aus einem unerfüllten Leben .
Jeder von uns verfügt über einen Lebensraum , der ihm mehr oder weniger vertraut ist .
Dies ist sein Alltag , in dem es gilt , sich durchzuschlagen .
Man pflegt zu sagen , der Mensch sei ein ( Gewohnheitstier ) , doch stets wird die andere , neue Welt , die <Terra incognita ) , eine Morgenstimmung im hintersten Val Tuoi grosse Anziehungskraft ausüben .
Denn damit dieses Leben lebenswert sein kann und auch eine gewisse Spannung enthält , damit der Mut zum Risiko nicht vergeht , braucht und sucht jeder für sich ihm noch ferne oder sogar noch unbekannte Lebensbereiche .
Wenn ich allein und mit offenen Sinnen durch die Landschaft schweife , spüre ich bisweilen , wie es zu einer subtilen Berührung zwischen der Natur und dem Menschen kommt .
Eine Tour wird zum Genuss , zum Erlebnis , wenn äussere und innere Natur in Einklang stehen und sich verbinden können .
Lässt man sich dann genügend Zeit , mag es sogar gelingen , nicht nur äusseren Geheimnissen auf die Spur zu kommen , sondern auch einen Weg zu seinem inneren Wesen zu finden .
Wv
ss Wändli
- Weg der Erinnerungen
Willy Auf der Maur , Seewen ( sz )
Harmonie ist das A und 0 der ganzen Bergsteigerei !
Wo sie fehlt , erstarren Gesichter zu Masken , verkommen Gespräche zu Gerede , bleiben Seilstränge in den Ästen hängen ( weil der eine Kletterer rechts , der andere links der Legföhre aufsteigt ) .
Harmonie braucht meist wenig Worte , ist diskret , leise , so leise , wie es unsere Schritte heute sein möchten , im Bergwald und in den ersten , gestuften Felsen über den Baumwipfeln .
Knackende Zweige , knirschender Splitt und fallende Steine künden den äsenden Gemsen am heutigen , frischen Morgen das Nahen der Menschen .
Die Einstiegsplatte Schweigen könnte auch eine Art Egoismus sein , vermute ich , und da ich bei meinen beiden Weggefährten - Neulingen im Umgang mit bestandenen Bergsteigern - nicht den Eindruck von Selbstsucht oder Eigenbrötelei erwecken möchte , fühle ich mich am eigentlichen Einstieg zum Wyss Wändli , der leichtesten der Westwandrouten am Grossen Mythen , bemüssigt , Akzente in die tote Stille zu setzen .
<Seht euch von , beginne ich mit prophetischer Gebärde , <wir stehen hier vor der schwierigsten Stelle der Kletterei , der Einstiegsplatte , die schon manchen Mythenkletterer in Angst und Schrecken versetzt hat . )
Visionen tauchen in mir auf :
verkniffene Gesichter , Gestalten , die auf den Knien über die geschliffene , helle Fläche hinaufkriechen , die zwei grossen Obdörfler , die wie Rosenkranzperlen am Ende meines Seils hängen , nachdem der eine ins Rutschen gekommen und den andern aus dem Stand gerissen hat .
<lch will euch aber sagen , wie sie problemlos zu meistern ist> , füge ich gnädig lächelnd hinzu .
Die Gesichtszüge von Susi und Ruedi entspannen sich .
Hurtig klinkt Ruedi den Schraubkarabiner in die Lasche des Standhakens , dieweil seine Angetraute mit abgedrehter Hand das Partieseil in den blanken Metallkreis legt .
<Also aufgepasst ) , fahre ich fort , ( unbedingt den rechten Schuh , ich wiederhole , den rechten Schuh , in diese Spalte hineinklemmen , den linken an die Platte pressen , den Allerwertesten möglichst weit in die Luft hinaus und aufwärtstrippeln ... ein Kinderspiel ! )
Holzegg und Mythen , im Hintergrund die Urner Alpen ( Flugaufnahme ) Ich mache es gleich vor , an diesem etwas nebligen Tag , so wie man es mir vorgemacht hat , vor vielen Jahren .
<Es ist schon beglückend , mit einer bestimmten Kletterstelle , mit einem Berg auf du und du zu stehen ) , denke ich mir dabei , und wie ich zehn Meter höher in einer Nische meine Seilgefährten nachsichere , wandert mein Blick zu einem rundgeschliffenen Loch im Randbereich des Plattenschildes hinüber , von dem ich weiss , dass es einer leider noch nicht blühenden Feuerlilie Gastrecht gewährt .
Hätte die Goldrose , wie die Blume bei uns genannt wird , ihren formvollendeten Kelch im Winde gewiegt , mein Mund wäre ein weiteres Mal übergelaufen , wie er es auch schon in der ersten halben Stunde unseres Aufstiegs , im Mythenbann , getan hatte , als wir an einem zweimal mannshohen grünlichgrauen Felsblock vorbeiwanderten .
Es war der <Altar-stein> , ein Block , der dem Spaziergänger die überhängende Seite zeigt , über seinen Buckel bis unter den Oberrand hinauf aber leicht zu besteigen ist .
Mein lieber Bergfreund Franz hatte hier in seinen Bubenjahren jeweils Gottesdienst gehalten .
Die Vision war zu erheiternd , zu erhebend auch , als dass ich sie meinen feinfühligen Seilgefährten hätte vorenthalten können .
So hatte ich denn versucht , den blonden , ernsten Buben vor ihr geistiges Auge zu zaubern , wie er , die Kante des Blocks nur gerade mit Kopf und Brust überragend , inmitten eines Meeres silbern aufblitzender Blätter mit ausgebreiteten Armen sein <Gloria in excelsis Deo> in den Wald hineinsang , begleitet vom hellen Gezwitscher der Vögel und dem ernsten Gemurmel bärtiger Tannen .
Am Fuss des <Altarsteins> malte ich noch das Kreuz hin :
die aufgerichtete , seitlich eingeknickte Deichsel des Leiterwägeiis , das möglicherweise bereits mit dürren Asten beladen , vielleicht aber auch noch leer war .
Denn zu jener Zeit , in den Kriegsjahren , so hat mir mein Freund schon oft versichert , sei es meist recht schwierig gewesen , im Wald Fallholz zu fin den , so dass er sich mit beträchtlichem Risiko sogar an Legföhren und Krüppeltannchen herangemacht habe , die , an Felssätze und Nossen geklammert , klagend ihre toten Arme von sich gestreckt hätten .
Auf der Rampe Inzwischen sind meine Gefährten unbeschadet bei mir angekommen , und so kann ich die zweite Seillänge in Angriff nehmen .
Es ist dies eine steile , eher griffarme Rampe .
In jedem Bergbuch würden die Akteure in einer Kletterstelle von derart geringer Schwierigkeit wie Götter über die Szene stolzieren .
Ich aber muss zu meiner Schande gestehen , dass mich in diesen fünf , sechs Metern schon öfters eine leichte Unruhe überfallen hat .
Unser Heil liegt drüben , hinter einer abschüssigen , grasdurchsetzten Rippe , in einem System von Rinnen und Bändern .
Das Genecand-Gesims Fragen Sie niemanden , wo dieses zu finden sei .
Den Dingen einen Namen zu geben , ohne dass es jemand ahnt , ist nämlich meine heimliche Leidenschaft .
Das Gesims habe ich so getauft , weil wir hier in meinen alpinen Lehrjahren jeweils die Schuhe gewechselt haben :
die Kletterfinken mit den Hanfsohlen in den Rucksack , die Tricouni-Bergschuhe heraus .
Die Tricouninägel , zu gezackten Randbeschlägen aneinandergereiht , haben seinerzeit den Alltag in den Bergen auf den Kopf gestellt .
Kaum ein Bergbauer , kaum ein Wildheuer , kaum ein Holzer , kaum ein Jäger , der nicht sein Schuhwerk damit ausrüstete .
Es war aber auch beglückend , an einem frühen Sonntagmorgen in schweren , tricounibeschla-genen Schuhen mit festem Schritt zwischen den Häuserreihen dem Berge zuzuwandern .
Das Klirren und Geixen des griffigen Beschlags auf abgeschliffenem Kopfsteinpflaster war schönste Musik , auch wenn sich darob verwunderte Frühmessegänger um drehten , Katzen um die Hausecken huschten und Vorhänge in Bewegung gerieten ( wer weiss , aus welchem Garn damals die Träume der jungen Mädchen - und stellvertretend ihrer Mütter noch gewoben waren ! ) .
Man fühlte sich bärenstark in diesem Schuhwerk .
Nicht ganz zu Unrecht , denn die Tricouninägel waren wie kleine , hungrige Raubtiere :
Im harten Firn , im Geröll , im rauhen Granit , überall bissen sie herzhaft zu .
Am gefrässigsten aber zeigten sie sich auf schlüpfrigen Erdtritten und im steilen Gras .
Hier waren sie in ihrer Gier kaum mehr zu bremsen , und deshalb war die Zeitepoche der Tricouninägel auch diejenige der grossen Grasrouten .
<Warum ich euch so erheitert entgegenblicke ? )
Susi und Ruedi schauen mich erwartungsvoll an .
<Weil ich innerlich soeben das Rad der Zeit etwas zurückgedreht und in Route 13 , am Geissstock , unsern unvergesslichen Altmeister Kari habe stehen sehen .
Eben befand er sich unter einem kleinen Aufschwung , die starken Beine ins Erdreich gestemmt , den Kopf unter ein Grasbüschel gedrückt .
Und wisst ihr , warum ?
Weil sich ihm Gemsen über den Kopf hinwegsetzten und dabei einen Hagel feuchter Erdklumpen auf seinen alten Filzhut prasseln liessen .
Aber dies geschah halt eben in einer Zeit , die Ihr nicht mehr gekannt habt ... in der heroischen Zeit des Tricouninagels ! )
Im Banne des Wyss Wändli Wir klettern flüssig weiter , schräg aufwärts , der Wand entlang .
Grashalme streichen uns ins Gesicht , Blumen und Sträucher , Fels und Erde verströmen ihren diskreten Duft .
schöne , scharfkantige Leisten , Henkelgriffe , schmale horizontale Spalten , Nocken ... Sie alle bieten den suchenden Fingern zuverlässigen , sympathischen Halt .
<Salü , alter Geselle ! )
lacht mein Herz dem kleinen Ahornbaum am Fuss der Rinne entgegen , die dem Mittelteil der Route das Gepräge gibt .
( Hohlwangig bist du geworden , pocken narbig dein hellgefleckter Stamm , trocken und klapprig das in den Rissen der Wand verankerte Wurzelwerk , schütter dein Blätterdach .
Aber heute ?
Heute liebe ich dich wie einst , das Seil aber hänge ich wenig daneben in den Bohrhaken ein , den ich vor Jahren noch verflucht habe , weil er dir den Rang ablaufen wollte . )
Aus der Enge der Rinne , die uns in hoher Wand die Geborgenheit einer <guten Stube ) vermittelt , wandert unser Blick in die Tiefe , auf ein Meer spitzer Tannenwipfel , auf grüne Matten und einen Ausschnitt des Talbodens von Schwyz , aus dem die Geräusche des Alltags zu uns heraufdringen .
Und plötzlich gewahre ich Menschen , die geschäftig zum Fuss unserer Wandflucht hinaufkrabbeln .
Einer von ihnen muss Wisel sein .
Dies erinnert mich erneut an Félix Genecand , habe ich diesem welschen Bergsteiger doch nicht nur als Erfinder ein Denkmal gesetzt ( warum sollte Genecand nicht in der Zentralschweiz eine bescheidene Erinnerungsstätte haben , wenn es in Genf doch auch eine <rue Guillaume-Tell> gibt ! ) , sondern auch als Menschen .
In der Jubiläumsausgabe der ALPEN ( 2/1963 ) zum 1OOjäh-rigen Bestehen des SAC wird über Genecand nämlich unter anderm berichtet , dass er als tüchtiger , unerschrockener Gänger mehr als zwanzigmal den Grépon - den Prüfstein der damaligen Elite - überschritten und dabei ungezählte Anfänger in die Mühen und Freuden des Kletterns eingeführt habe .
Dies hat ihm damals den Übernamen ( Concierge du Grépon ) eingetragen .
Sympathisch , dieser Genecand , so sympathisch wie Wisel , den ich am Einstieg heute einmal mehr einen Neuling an sein Seil knüpfen sehe und den ich wiederum nur insgeheim - <Concierge des Wyssen Wändlis> nenne .
Concierges gibt es übrigens viele in den Bergen .
So kenne ich einen ( Concierge des Salbit-Süd> , einen des Chaiserstocks , einen des Lauchernstöcklis , einen des Wildspitzes und wäre deshalb keineswegs erstaunt , wenn sogar jeder Berg in der Schweiz seinen Concierge hätte .
( Seht ihr dort oben , links über der Schlucht , die Schlingen in der Wand ?
Dort ist der Quergang der südlichen Westwand , die ich einmal mit Thedy gegangen bin .
Ich stand an dieser ausgesetzten Stelle eine furchtbare Angst aus .
Unbeeindruckt von meinem Gejammer liess sich Thedy oben , am Standplatz , nur mit einem belustigten Lachen vernehmen .
Er glaubte an mich , mehr als ich selbst , und rief mir , über die Weite und Tiefe hinweg , dann doch noch einige Anweisungen zu .
,Du musst nur ...
' Ja , ja : Du musst nur !
Die Belastung war rein psychologischer Art , und darum werde ich diese Route nie mehr klettern .
Lachen tut gut !
Susi lacht , Ruedi auch , ich lache , unsere ganze kleine Welt lacht mit :
die Ameisen , die geschäftig über die Wandstufen eilen , ein herrlicher Mauerläufer auf seinem senkrechten Morgenspaziergang , die Dohlen im Aufwind .
Der ( Verein der Mythenfreunde ) ( Gründung 1863 ) feiert heute auf dem Gipfel des Grossen Mythens sein 125jähriges Bestehen .
Der Ehren-trunk steht vielleicht schon bereit : Es heisst sich sputen !
Am Quergangband Wir sind auf dem Band angelangt , das uns an seinem südlichen Ende den Ausstieg auf die Mythenmatt vermitteln wird .
Ein landschaftlich herrlicher Quergang erwartet uns .
Die linke Hand hakt sich hier an den Kanten fester abgespaltener Blöcke ein , während die Beine flink ein viermal schuhbreites Gesims entlang eilen .
Wie möchte ich meinen Begleitern doch den eindrucksvollen Tiefblick gönnen !
Aber ausgerechnet jetzt muss der Nebel aus dem Abgrund steigen .
An meinem Seil befand er sich , weil er vernommen hatte , dass auch schon Vertreter des schönen Geschlechts über das Wyss Wändli geklettert seien .
( Was das Weibervolk kann , kann ich auch ! )
hatte er darauf selbstsicher verkündet und sich bei mir auf die Warteliste für die begehrte Wandroute setzen lassen .
<Hinunterschauen , nie !
Ein alter Wildheuer aus den Muotathaler-bergen hat mir einmal gesagt , man solle nur nie in die Tiefe schauen , dann könne einem nichts passieren ! )
An diesen Ratschlag hat er sich an diesem nebelfreien , durchsichtigen Herbsttag gehalten .
Und in der Tat :
Es ist ihm an meinem Seil an diesem Tag auch wirklich nichts passiert , dem Seffi !
Das Ausstiegswändli Nebelschwaden hin oder her , die Freude am Ausstiegswändli können sie uns nicht verderben .
Ein Fest für den Gleichgewichtssinn , den Bewegungsdrang , den Tastsinn ... diese Seillänge !
Hier und jetzt , über der Legföhre , unter der ich durchgeschlüpft bin , mitten in der Wandstufe mit den sauberen , waagrechten Leisten müsste man mich fragen , warum ich klettere .
<Weil ich die Mutter Erde liebe , sie streicheln und liebkosen will , aber nicht kriechen mag ! ) würde ich antworten .
Mit ihm hatte ich einige Jahre zuvor kiloweise technisches Material in der Bergwelt spazieren geführt , was uns am Ufer des Wägitalersees einmal sogar polizeilich bestätigt wurde .
Zwei Hüter des Gesetzes mussten dort in uns , aufgrund des mitleiderregenden Zustandes unserer Hände , die klassischen Blumenräuber gerochen haben . Jedenfalls wurden wir von ihnen höflich aufgefordert , die Rucksäcke zu öffnen .
Doch nachdem sie einige Zeit darin gewühlt , der eine in Franzens , der andere in meinem Sack , hatten sie unter ihren Dächli-mützen hervor einen vielsagenden Blick ausgetauscht und dann ganz offensichtlich enttäuscht , für jedermann deutlich hörbar , zu Protokoll gegeben :
Kein Mensch , nicht einmal unsere alpinen Lehrmeister , hätten uns damals erklären können , wie das technische Klettern geht .
So hing denn unser ganzes Kletterglück von der dünnen Broschüre aus der Grossstadt ab , deren Titel La technique de la varappe artificielle oder ähnlich lautete .
Er hätte ebensogut ( Die Technik des Mehlsack-hissens> heissen können , denn die ( Methode ) verurteilte den Seilführer zu einer Haltung , die statisch nur geringfügig von derjenigen eben eines Mehlsackes abwich .
Sie verlangte , dass der Vordermann abwechslungsweise den einen , dann den andern Strang des Doppelseils in die Hakenreihe einführte , und weil auf den primitiven Zeichnungen weder eine Stehschlinge noch eine Trittleiter zu entdecken war , musste es offensichtlich Aufgabe des Seilzweiten sein , den Kameraden hochzuhis-sen und das Seil so lange strammzuhalten , bis der nächste Haken geschlagen war .
Von allen Nachteilen abgesehen , verschaffte mir diese ( Technik ) in kurzer Zeit ganz hübsche Oberarmmuskeln , während sich Franz , der um die Weichteile angeseilt war , zunehmend über Bauchschmerzen beklagen musste .
Mythenmatt ( Hier muss es Pfefferminz geben ) , stellt Susi bei den Karrenfeldern am Rand der Mythenmatt fest .
Ich weiss die Staude mit den starkduftenden Blüten in geschützten , trockenen Felswinkeln , allüberall in den südgewandten Flanken der Mythen , an Stellen , welche die Sonne schon im April auszubrennen pflegt , wenn die Bergsteiger noch von Felsinsel zu Felsinsel hüpfen , um dem dahinfaulenden Schnee auszuweichen .
Zu Seidelbast unterhalte ich eine fast mystische Beziehung , aber zu Pfefferminz ... !
Nun , dass es so weit von den Teestuben entfernt nach Pfefferminz duftet , scheint mir trotzdem recht erstaunlich , so bemerkenswert wie die Tatsache , dass in frühern Jahrzehnten Schafe an diesem Kraut gerochen haben .
Jedenfalls muss Schafhirt Kälin , wie seine eventuellen Vorgänger , gute Schuhe getragen haben , wahrscheinlich solche mitTricounibe-schlag .
Dann werdet ihr wie eingesalbte Ölgötzen in die Tiefe fahren ! )
Der dies weissagte , hatte zwei listige , von Lachfalten eingerahmte Äuglein und einen Kopf , der oben in einen Spitzhut und unten in einen Spitzbart auslief .
Es war Köbel , der Bildhauer und phantasiereiche Unterhalter , und er war nur einer von den vielen Skeptikern .
Köbel sah sich später ins Unrecht versetzt , den Tricouninägeln ist er aber meines Wissens trotzdem sein ganzes Leben lang treu geblieben .
Ist dies nicht ein Grund , sein Andenken noch besonders in Ehren zu halten !
Jeder Mensch trägt eine Galerie in sich , die er nach eigenem Wunsch mit Bildern bestük-ken kann .
Alpinisten pflegen darin Bergbilder aufzuhängen , und da der Eintritt in diesen Raum an keinerlei Formalitäten gebunden ist , lassen sich diese aufbauenden Gemälde im Alltag bei jeder beliebigen Gelegenheit betrachten .
Eine Örtlichkeit , wo sich solche Bilder sammeln lassen , ist das Rot Grätli am Gipfelkopf des Grossen Mythen .
Die Bilder sind hier dreidimensional , gehen in die Höhe , in einen Himmel , an dem die rote Schweizerfahne flattert , in die Weite , zum Zürichseebecken , zum Alpstein , in die Urner und Unterwaldner Alpen , in die Tiefe , auf die dunkeln Wälder und blühenden Weiden des Alptals , auf den bunt gefleckten , mit Seen geschmückten Talkessel von Schwyz .
Zuoberst schliesst sich der Kreis Das Rot Grätli trägt uns in schiefrigem Fels und auf weichen Rasenpolstern in Kürze auf die felsige , karge Gipfelfläche .
Keinen Augenblick zu früh und keinen zu spät , denn eben beginnt vor der Kulisse des Mythenhauses die Weissweinflasche ihre Runden zu drehen .
Auch uns drückt man , wie erwartet , ein funkelndes Glas in die Hand .
Es sind all die Concierges , denen ich im Aufstieg nachgesonnen .
Doch gibt es da , höchst verwunderlich , noch eine Gruppe schnauzbärtiger , würdiger Herren zu bestaunen , mit breitrandigen Hüten , geschlossenen Kragen , Gilets , Uhrenketten und hohen Haselstöcken , mit eigenem Mundschenk , malerisch zum Fototermin angeordnet .
Sie alle heben prostend ihr Glas , zwinkern und lachen mir freundlich zu .
Ich hab's ja immer gesagt :
Harmonie ist das A und 0 der ganzen Bergsteigerei !
Es muss nicht immer Bilderbuchwetter sein : Aufbruch vom Einstiegssattel der Wyss-Wändli-Route am Gr .
Mythen .