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2021-12-01 01:19:40 +08:00

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.in Tag in Uschenen
Hanspeter Sigrist , Oberbalm
In den Wänden von
Uschenen
( Weg der Jugend )
Ein Klettergebiet macht Geschichte In der Anfangsphase , als sich in der Schweiz die Entwicklung zum Freiklettern erst abzuzeichnen begann , wurden am Felsband von Üschenen , oberhalb von Kandersteg , Anstiege eröffnet , die zu den schwierigsten der Schweiz zählten .
Die Routen bewegten sich zunächst im Bereich des sechsten , dann des siebten und schliesslich des achten Grades .
Besonders Aufsehen erregten die konsequent von unten eröffneten Routen wie Le Toit , Quo Vadis , Via del Ladro Corda und Kolibri .
Als man aber auch in Üschenen begann , die ersten , meist kürzeren Anstiege abseilend zu eröffnen , wurde es plötzlich etwas stiller um dieses Klettergebiet .
Während die einen diese neue Praxis verärgerte , glaubten andere , die vorhandenen Möglichkeiten seien bereits weitgehend ausgeschöpft .
Und so konzentrierte sich das Interesse auf Gebiete , die noch weniger erschlossen waren .
Erst 1988 rückten durch die Eröffnung neuer Routen die landschaftlich überaus reizvoll gelegenen Felsen von Üschenen wieder ins Blickfeld .
In der Zwischenzeit hatte man auch gelernt , die verschiedenen Aspekte mit mehr Objektivität und der nötigen Toleranz zu betrachten , sind doch die Unterschiede zwischen von unten und von oben eingerichteten Klettereien nun jedem klar und Vor und Nachteile bekannt geworden .
Beides ist möglich , beides hat seine Berechtigung und nicht zuletzt auch seinen besonderen Reiz .
Es gibt anspruchsvolle Anstiege wie zum Beispiel die von unten eröffnete Route Kumulus von Martin Stettier , die eine gesunde Moral und hohes Können erfordern und damit auch über einen ganz eigenen Erlebniswert verfügen .
Dasselbe gilt für die von den rein klettertechnischen Schwierigkeiten her gesehenen Spitzenrouten und Anziehungspunkte für leistungsstarke Kletterer Bscbüttigütti{\Q ) und Fusion ( 10- ) .
Diese stellen jedoch andere Anforderungen - nicht nur an den Kletterer , welcher der Besonderheit der Route mit Konsequenz und grösster Konzentration begegnen muss , sondern auch an den Sichernden , der viel zu einem schnellen Gelingen eines solch anspruchsvollen Unternehmens beitragen kann .
Die beiden Spitzenrouten wurden 1988 erstmals Rotpunkt geklettert :
die Fusion durch Jürg von Känel im Oktober , und das langjährige Projekt Bschüttigüttigelang dem Autor an einem neblig-kalten Tag im Sommer .
Dies , nachdem die Route neu eingerichtet und die Linienführung im obersten Teil noch bestimmt werden musste .
Die Durchsteigung derartiger Routen bietet - besonders wenn sie , wie in diesem Fall , nach nur sehr kurzer Vorbereitungszeit bereits im ersten Vorstiegsversuch gelingt sehr intensive Klettererlebnisse und gehört deshalb zu den Höhepunkten im Leben eines Kletterers .
Jene Augenblicke , in denen alle Voraussetzungen gegeben sind , damit eine Route im 10. Schwierigkeitsgrad in sehr kurzer Zeit gelingt , lassen sich kaum im voraus bestimmen oder planen .
Zumindest mir scheint diese Fähigkeit nicht gegeben zu sein - selbst wenn ich mich vorher lange und intensiv mit mir und meinem Ziel auseinandergesetzt habe .
Vielleicht kann man aber eine solche Herausforderung auch nur bestehen , wenn ihr eine besondere Situation vorausgegangen ist .
Eine Situation , die , von jedem Erfolgsdruck befreit , hemmende Blockierungen löst und so erst die notwendige Ausgewogenheit der Bewegungsabläufe ermöglicht .
Manchmal spielen aber auch klimatische Bedingungen eine grosse Rolle , indem sie erlauben , die Kraft voll auszuspielen - oder eben nicht .
Kaum etwas vermag mich in einem schwierigen Aufstieg mehr zu irritieren als das durch eine etwas zu hohe Temperatur hervorgerufene unangenehme Gefühl , fast unmerklich , aber ständig von jedem Griff zu rutschen .
In solchen Fällen konzentriere ich mich dann ganz von selbst auf dieses Problem und werde damit vom Klettern abgelenkt .
Es kann aber auch vorkommen , dass ein <prestigegelade-nes> Umfeld , so zum Beispiel zufällig anwesende Personen , derart motivierend wirkt , dass ein Kletterer sich plötzlich mit anscheinend grösster Sicherheit am Fels bewegen kann .
Allerdings zeigt sich dann meist einige Zeit später , dass solche nicht zuletzt durch Im weit ausladenden Dach der Route « Fusion » ( 10- )
A
äussere Faktoren zustande gekommenen Leistungen mit enormem Kraftaufwand verbunden sind .
Um so wertvoller und erlebnisintensiver werden deshalb jene Momente empfunden , in denen man sich den Anforderungen gewachsen fühlt , selbst wenn die Ziele sehr hoch gesteckt sind .
Die persönliche Situation , die ( Atmosphäre ) , der Tag , die Person des Sichernden all das und vielleicht noch mehr müssen ideal zusammenpassen , um ein durchgehend positives Umfeld zu schaffen .
Routenziele Bei der Fusion handelt es sich um eine Kombination aus einer bestehenden Route im 9. Schwierigkeitsgrad und einer davon abzweigenden Traverse über ein ausladendes Dach .
Der Ort , wo die ( Fusion ) stattfinden soll , ist gleichzeitig auch die Schlüsselstelle der gesamten Tour .
Nach einer steilen , mit messerscharfen kleinen Griffen bestückten Passage und einem eindrücklich ausladenden Dach folgt die Stelle , an der sich alles entscheidet .
Das Vor und Nachher ist verhältnismässig leicht in den Griff zu bekommen , nicht aber die Loslösung von der ursprünglichen Linie , die gerade aufwärts weiterführen würde .
Ich habe mir die Route zusammen mit Heinz Gut ein erstes Mal an einem wunderschönen Herbstnachmittag im November angeschaut .
Neben einem kurzen <Vertrautwerden> mit der etwas speziellen Linienführung und den originellen Bewegungsabläufen vor und nach der Schlüsselpassage reicht es gerade noch für je einen Vorstiegsversuch .
An der Schlüsselstelle sind wir aber bereits völlig ausgepumpt , chancenlos , den ( Absprung ) von der geraden Linie überhaupt zu wagen .
Voller Ehrfurcht beginnen wir auf der Heimfahrt von der neuesten <Jürg-von-Känel-Kreation> zu sprechen .
Eine Woche später droht sich die Zeit des stabilen schönen Herbstwetters ihrem Ende zu nähern .
Und damit scheint auch der Traum von der Fusion für dieses Jahr ausgeträumt zu sein .
Heinz weilt in Südfrankreich , er hat dort Ziele , die ihm eher machbar erscheinen .
Und Gabriele will nach Italien .
Sie mag den Nebel hier nicht und befürchtet , um diese Jahreszeit an den voralpinen Felsen ohnehin nur zu frieren .
Am heutigen warmen und windstillen Tag sollte dies jedoch nicht der Fall sein , weshalb ich mich entschliesse , nochmals die Fusion zu versuchen und dann abends loszufahren .
So können wir den vielleicht letzten sonnigen Herbsttag nützen , und Gabriele hätte die Möglichkeit , sich etwas von ihrer weiten nächtlichen Anfahrt aus Deutschland zu erholen .
Die eigenen Ziele zu nennen ist oft gar nicht so leicht .
Geklettert wird nach wie vor zu zweit , und meist haben beide Partner ihre Routenziele und Vorstellungen , die auf einen zufriedenstellenden Nenner gebracht werden müssen .
Deshalb scheint es mir manchmal recht schwierig , die eigenen Interessen vor mir selbst und dem Partner einzugestehen und gegebenenfalls sogar durchzusetzen , befürchte ich dabei doch , im Falle eines Misserfolges seine Hilfe zu Unrecht beansprucht zu haben .
Andererseits sollten wir trotz derartiger Bedenken vielleicht vermehrt daran glauben , dass solche Unterstützung gerne geleistet wird und von Herzen kommt , wenn der Partner spürt , dass der richtige Moment da ist , um dem andern zu helfen , sein Ziel zu erreichen .
In der Route « Bschütti-gütti ) ( 10 ) , der schwierigsten Route im Klettergebiet von Üschpnpn Und es ist der richtige Moment !
Üschenen präsentiert sich von seiner allerschönsten Seite .
Die Luft ist frisch , und am Fusse der Felsen kann man sich noch in die warme Sonne legen .
Die Berge sind schon weit hinunter eingeschneit , und bis auf einen einzelnen Kletterer , der am Einrichten einer neuen Route ist , sind wir hier oben allein .
Ein 7. Grad zum Einklettern und einige kurze Testzüge in den schwierigen Passagen der Route mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Schlüsselzug dienen der Einstimmung .
Das linke Handgelenk schmerzt bei der extrem aufgestellten Fingerhaltung an dem runden Griff .
Die kleine , unscheinbare Warze bohrt sich in die Fingerkuppe des rechten Zeigefingers .
Hier muss ich mich mit aller Kraft festhalten , nur dann ist der weite dynamische Zug an den Fingerschlitz möglich .
Dieser erste Vorstiegsversuch gelingt gar nicht schlecht .
Beim Einhängen der blauen fixen Schlinge bin ich aber instabil und brauche deshalb viel Kraft .
Zudem liegt die Hand unter dem Seil .
Das kostet zu viel Zeit , um sie für das schwierige Nachgreifen freizubekommen .
Ein zweiter Anlauf erfolgt nur wenig später , solange der richtige Teil der Bewegungsabläufe noch im Gefühl ist .
Gabriele hat mich für das schwierige Einhängemanöver beruhigt und mir Mut gemacht .
Ihre Anweisungen helfen mir in diesem Moment sehr viel , und es geht auch gleich deutlich besser .
Nur um wenige Millimeter verfehle ich den Griff .
Pause .
Wir wandern ein wenig umher und schauen uns den neuen kleinen Klettergarten an .
Dann auch das Bschüttigütti .
Immer wieder fasziniert mich diese Linie durch die steil aufschiessende Platte mit ihren nur winzigen Einkerbungen .
Ich fühle mich gut .
Ausgewogen und ruhig .
Vielleicht deshalb , weil es mir in diesem Moment hier oben , inmitten einer wunderschönen Landschaft , an nichts fehlt .
Die Pause ist um , und ich muss wieder etwas tun :
Den nächsten Versuch wagen .
Wiederum bekunde ich Mühe , die Bewegung im entscheidenden Moment genau zu erfühlen und zu kontrollieren .
Vor dem dynamischen Zug nehme ich noch zu viel Schwung , was bei der Kleinheit der Griffe ohnehin ein Unsinn ist .
Selber fällt mir der kleine Fehler aber kaum auf .
Ich spüre nur , dass etwas noch nicht ganz stimmt .
Gabriele gesteht mir noch einen Versuch zu , nur noch diesen einen .
Beim Losklettern frage ich mich kurz , ob sie wohl ungeduldig ist oder ob andere Überlegungen dahinterstecken .
Bestimmt würde sie mich noch einen weiteren Anlauf machen lassen , selbst wenn ich genau weiss , dass Konzentration und Kraft dazu nicht mehr ausreichen , dass die Haut an der Fingerspitze bald durchreisst und bei aller Feilscherei um einen fünften Versuch dieser mit Sicherheit danebengehen würde .
Im Dach ist kein Platz für derartige Überlegungen .
Die weiten Züge erfordern volle Aufmerksamkeit .
Dann der Überkreuzer an den winzigen Griff , der nötige Druck auf den Fussen , der Zwischengriff , und - mit etwas Glück - erwische ich den Schlitz mit einem Teil der Fingerspitzen .
Ein kurzes Nachfassen und ich habe ihn richtig in der Hand .
Die Traverse hat begonnen und muss jetzt noch konzentriert zu Ende geführt werden - bis an das vordere Dachende .
Einhängen des letzten Hakens und ein entschlossener weiter Zug an den Ausstiegsgriff .
Die letzten Sonnenstrahlen und die freundliche Sicherungshilfe von Ernst Müller - er ist alleine hier oben unterwegs - erlauben uns sogar noch , den Quergang ein zweites Mal zu klettern , dabei einige Bilder zu machen und den schönen Moment noch etwas auszukosten .
In bester Laune packen wir unsere Sachen zusammen und verabschieden uns von diesem einzigartigen Ort .
Die Sonne ist hinter dem Lohner verschwunden , und es wird schnell kalt .
Die Bewegung auf dem Abstieg wärmt uns aber bald wieder auf .